57. Film Festival von Locarno


vom 4. bis 14. August 2004

Reihe: Wettbewerb

André Valente

Regie:   Catarina Ruivo, PT - 2004
Produktion: Madragoa Filmes - Regisseur: Catarina Ruivo - Darsteller: Leonardo Viveiros - Rita Durão - Pedro Lacerda - Dmitry Bogomolov -
Inhaltsangabe : Das Leben des achtjährigen André gerät am Weihnachtsabend aus den Fugen. Sein Vater verlässt schon zum zweiten Mal grundlos und ohne ein Wort zu sagen das Heim. Dann zieht seine beste Freundin Susanna in ein entferntes Viertel der Stadt. Und als ob das nicht genügen würde, sieht André sich auch noch dem Spott seiner Klassenkameraden ausgesetzt, während sich seine Mutter in einen Arbeitskollegen verliebt, mit dem der Junge gar nichts anfangen kann. Da tritt Nikolai auf den Plan – ein Nachbar russischer Herkunft, dessen geheimnisvolle Aura Andrés Neugier weckt und ihn dazu bringt, ihm zu folgen. Nikolai besucht regelmässig das Eisfeld, um sich zu erholen. André versteckt sich im Halbdunkel der Zuschauertribüne, um den Mann zu beobachten, der allein auf dem Feld Schlittschuh läuft. Allmählich entspinnt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, die André dabei unterstützt, sich in Zukunft gegen die Ereignisse zu schützen, die sein Leben aus der Bahn werfen, und die ihm zu einem Gleichgewicht in seinem schwierigen Alltag verhilft... (Pressetext)
Anmerkungen: "Es ist alles andere als einfach, eine schwierige Kindheit ohne Affektiertheit oder Pathos darzustellen, doch Catarina Ruivo hat diesen ihren ersten Spielfilm mit viel Feingefühl gedreht und einen subtilen Film geschaffen. Wenn sie die kleinen alltäglichen Siege von André beschreibt, stellt sich die Regisseurin nicht nur auf die Ebene des Kindes, sondern auch auf jene seiner Mutter und Nikolais. Sie bietet für die Probleme der Figuren keine Lösungen an, findet aber treffende Bilder, um ihre prekäre Lebenssituation wiederzugeben. Der junge Leonardo Viveiros spielt die Hauptrolle einfach und mit viel Talent. Die Beziehung, die ihn mit Dimitri Bogomolow (der Nikolai spielt) verbindet, trägt wesentlich zur Stimmung – einer von Optimismus gefärbten Melancholie – bei, die den Film durchdringt. " (Locarno Festival 2004)

Antares

Regie:   Götz Spielmann, Österreich - 2004
Produktion: Lotus-Film GesmbH. - Regisseur: Götz Spielmann - Drehbuch: Götz Spielmann - Kamera: Martin Gschlacht - Architekt: Katharina Wöppermann - Darsteller: Dennis Cubic - Susanne Wuest - Andreas Kiendl - Hary Prinz - Andreas Patton - Petra Morzé - Martina Zinner -
Kritiken : "Psychogramme dreier Frauen in Wien - kein Reigen der Leichtigkeit sondern eher naturalistische Voyeurschau in den Wiener Vorstadt-Plattenbauten." (lhg 2004)

Black Friday

Regie:   Anurag Kashyap, Indien - 2004
Produktion: Mid Day Multimedia Ltd - Regisseur: Anurag Kashyap - Darsteller: Kay Kay Menon - Pawan Malhotra - Aditya Srivastava -

Dastaneh Natamam

Regie:   Hassan Yektapanah, Iran, IE, SG - 2004
Produzent: Hassan Yektapanah - Regisseur: Hassan Yektapanah - Drehbuch: Hassan Yektapanah - Kamera: Reza Rakhshan - Darsteller: Mazdak Taebi - Mehdi Baghayan - Mohamad Assadi -

En Garde

Regie:   Ayshe Polat, Deutschland - 2003
Produktion: X-Filme creative Pool GmbH - Regisseur: Ayshe Polat - Darsteller: Geno Lechner - Luk Piyes - Antje Westermann - Pinar Erincin Berivar - Maria Kwiatkowsky Alice -
Inhaltsangabe : Die 16-jährige Alice wird von ihrer Mutter in ein katholisches Heim gesteckt. Sie leidet an Hyperacusis – einer Störung des Gehörs, die Geräusche aus der Umwelt lauter erscheinen lässt – und ist daher anders als ihre Mitschülerinnen und meistens alleine. Als sie jedoch Berivan kennen lernt, eine junge Kurdin, die auf eine positive Entscheidung seitens der deutschen Einwanderungsbehörde wartet und hofft, legt Alice ihre Verschlossenheit ab, und zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt sich eine verschwörerische Freundschaft. Doch kaum scheint das Leben es besser mit ihnen zu meinen, lernen die beiden einen jungen Mann namens Ilir kennen, in den sich Berivan verliebt, was dramatische Ereignisse nach sich zieht.... (Pressetext)
Kritiken : "Eine intelligente Charakterstudie zweier isolierter heranwachsenden Mädchen." (lhg 2004)
Anmerkungen: "Ayse Polat zeichnet einen atmosphärisch dichten Film, der sich auf subtile Weise mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens auseinander setzt. Elegant umschifft sie Klischees und betreibt stattdessen feinfühlige Charakterstudien und Beziehungsanalysen. Erfahrungen sammelte sie in Begegnungen mit jungen Frauen, die in Heimen aufwuchsen, und dies lässt sich aus dem Drehbuch herauslesen. Der Titel des Spielfilms leitet sich von den Fechtkursen ab, die die Protagonistinnen belegen: eine Metapher für das Leben, in dem es gilt, Angriffe zu parieren und selbst anzugreifen – beides möglichst kräfteschonend. Die Chemie zwischen Maria Kwiatkowsky und Pinar Erincin, in den Rollen von Alice und Berivan, ist äusserst stimmig: Beide Schauspielerinnen bringen eine Persönlichkeit auf die Leinwand, die sich zwischen Unbekümmertheit und tiefer Verzweiflung bewegt. Die psychosomatische Krankheit der Figur Alice betont die Überempfindlichkeit der Heranwachsenden gegenüber ihrer Umgebung und ermöglicht die Umsetzung einiger bestechender Regieeinfälle: die Nachtsequenz beispielsweise, bei der jeder noch so unbedeutende Ton zum ohrenbetäubenden Lärm anschwillt... " (Locarno Festival 2004)

Folie Privée

Regie:   Joachim Lafosse, Belgien - 2004
Regisseur: Joachim Lafosse - Drehbuch: Joachim Lafosse - Kris Cuppens - Kamera: Frederico d'Ambrosio - Schnitt: Sophie Vercruysse - Darsteller: Kris Cuppens - Catherine Salée - Vincent Cahay - Mathias Wertz -

Forgiveness

Regie:   Ian Gabriel, ZA - 2004
Produktion: Giant Films - Regisseur: Ian Gabriel - Darsteller: Arnold Vosloo - Quanita Adams - Denise Newman -

McDull, Prince de la Bun

Regie:   Toe Yuen, HK - 2004
Regisseur: Toe Yuen - Sprecher: Andy Lau - Anthony Wong - Sandra Ng - Jan Lamb - Chet Lam -

Mùa Len Trâu

Regie:   Minh Nguyen-Vô, Belgien, VN, Deutschland, Frankreich - 2004
Regisseur: Minh Nguyen-Vô - Darsteller: Le The Lu - Nguyen Thi Kieu Trinh - Nguyen Huu Thanh - Kra Zan Sram -
Inhaltsangabe : Indochina 1940 – das Land steht unter französischer Besatzung. Ca-Mau ist ein Dorf am südlichsten Zipfel des Landes, wo die Tieflande an den Ozean grenzen. Die Regenzeit dauert sechs Monate, und bald wird das Wasser die Ebenen überfluten. Es ist die Zeit, in der die Büffel – die einen äusserst kostbaren Besitz darstellen, da sie für den Reisanbau unerlässlich sind – in ferne Weiden geführt werden, wo sie grasen können. Dem 15-jährigen Kim kommt die wichtige Aufgabe zu, die beiden Tiere seiner Familie dorthin zu führen. Auf der langen und gefährlichen Reise durch riesige, überschwemmte Landschaften tritt der Jugendliche an die Schwelle des Erwachsenenlebens. Er schliesst sich einer Gruppe Büffelhirten an und entdeckt dabei eine männlich geprägte Welt, die von Schlägereien, Alkohol und Plünderungen beherrscht wird. Zunehmend weicht die rohe Gewalt jedoch der Freundschaft, der Zuneigung und einem gewissen Gefühl von Freiheit.... (Pressetext)
Anmerkungen: "Regisseur Minh Nguyen-Vô verleiht Kims Geschichte mehrere Erzählebenen: Zum Initiationscharakter von Kims Reise gesellt sich eine historische Dimension in der Schilderung von einer Reihe gesellschaftskultureller Aspekte der Kolonialisierung. Die traditionelle Lebensweise, die noch vor einem halben Jahrhundert hier unangefochten bestand, weicht zunehmend der Modernisierung durch den Westen. Diese Veränderungen unterstreichen die ungewisse Zukunft dieser ländlichen Gegenden, die zu allem auch noch den Naturgewalten ausgeliefert sind. Wie der Regisseur betont: «In Ca-Mau ist das Leben eher ein Überleben. Die Überschwemmungen sind Quell schweren Unheils und der Fruchtbarkeit in einem. Das Wasser, oft als Symbol für das Leben gesehen, bringt hier gleichzeitig Tod und Verderben. In diesem Zusammenhang ist der Büffel der einzige Verbündete des Menschen: Er ist ein heiliges Tier und zugleich ein äusserst wertvolles Gut.»" (Locarno 2004)

Okhotnik

(Der Jäger), Regie:   Serik Aprymov, KZ, Frankreich, Japan, Schweiz - 2004
Regisseur: Serik Aprymov - Darsteller: Gulnazid Omarova - Dogburbek Kidiraliev - Alibeb Zhuasbaev -
Inhaltsangabe : In einem abgelegenen kasachischen Bergdorf wohnt der 12-jährige Erken mit seiner Mutter: einer schönen, verführerischen Frau. Der schweigsame, verschlossene Junge gilt als gefühlskaltes «Wolfskind». Eines Nachts, als seine Mutter einen Jäger empfängt, stiehlt Erken dessen Pferd und Gewehr, um einen Laden zu überfallen. Die Polizei ist ihm auf den Fersen, doch der Jäger findet ihn und stellt ihn vor die Wahl: entweder Gefängnis oder ein Leben mit ihm, dem Jäger, in den Bergen. Während der folgenden Initiationsreise versucht der Jäger, dem Jungen seine Lebensfreude und Erkenntnisse zu vermitteln und ihm ein wenig Wärme einzuflössen, einen neuen Lebenshauch, indem er ihm die Schönheit der Natur und der Frauen nahe bringt und ihn Freundschaft und Tod entdecken lässt. Der Junge lernt, dass der Mensch nicht allein ist, sondern im Austausch steht zu seinen Mitmenschen, zu Tieren und Landschaften. Seine Probe besteht Erken, als er seine Mutter aufzuwärmen vermag, die auf der Suche nach ihrem Sohn in den Bergen vor Kälte in Ohnmacht fiel. Erken bringt seine Mutter ins Krankenhaus und muss in der Folge die Gefängnisstrafe absitzen. Gleichzeitig muss sich der Jäger einem weiteren Wolf stellen: Kokjal, einem Tier mit fünf Zehen, das die Unausweichlichkeit seines Schicksals verkörpert... (Pressetext)
Kritiken : "Der zwölfjährige Erken wird nach einem Amoklauf, bei dem jedoch nur Sachschaden entstand, von seiner Mutter in die Obhut eines Jägers gegeben, der allein in den Bergen lebt. In der abgelegenen, wilden Landschaft Kasachstans begleiten wir das ungleiche «Männer»-Paar und erhalten aus der Perspektive des Buben Einblicke in die fremde Welt, in der Tier und Mensch, Natur und Kultur, Legendenhaftes und Tatsächliches einen dauernden Dialog miteinander führen. Die schönsten Momente im Film von Serik Aprimow sind solche, wo die Inszenierung beiläufig wirkt und die Bilder der rauen Natur den Grossteil ihres Mysteriums bewahren. Doch manchmal wird dem ethnographischen Klischee zu leichtfertig der Weg geebnet." (T.Br. in NZZ)
Anmerkungen: "Serik Aprymow vereint in diesem Film beschauliche Sequenzen mit Action und burlesken Elementen. Er findet ein stimmiges Gleichgewicht aus Legende, Epos und einer Form von sozialem Realismus. «Wolfskind», Jäger, Schamane, Prostituierte: Ihnen, die mit ihren Körpern und mit den Mysterien der Erde verbunden sind, gilt die Zuneigung des Regisseurs, der mit ausdauernden Grossaufnahmen die Harmonie, die Feindseligkeit oder einfach die Gleichgültigkeit der Natur auszudrücken weiss." (Locarno 2004)

Ordo

Regie:   Laurence Ferreira-Barbosa, Frankreich, Canada, PT - 2004
Regisseur: Laurence Ferreira-Barbosa - Darsteller: Roschdy Zem - Marie-Josée Croze -

Poster Boy

Regie:   Zack Tucker, USA - 2004
Regisseur: Zack Tucker - Darsteller: Mathew Newton - Michael Lerner - Karen Allen - Jack Noseworthy - Valerie Geffner -

Pourquoi (pas) le Brésil

Regie:   Laetitia Masson, Frankreich - 2004
Regisseur: Laetitia Masson - Darsteller: Elsa Zylberstein - Marc Barbé - Laetitia Masson - Bernard Lecoq - Pierre Arditi -

Private

Regie:   Saverio Costanzo, Italien - 2004
Regisseur: Saverio Costanzo - Darsteller: Lior Miller - Mohammad Bakri - Tomer Ruso - Arin Omary - Hend Ayoub -

Promised Land

Regie:   Michael Beltrami, Schweiz, Italien - 2004
Regisseur: Michael Beltrami - Drehbuch: Richard Alexander - Francesca Demichelis - Steve Anderson - Michael Beltrami - Kamera: Alexa Ihrt - Musik: Giovanni Venosta - Schnitt: Ilaria Fraioli - Darsteller: William Sanderson - Patrick Bauchau - Giuseppe Cederna Mulligan - Norma Lalaine Norma - Chad Smith Ethan Wildwood - Ruth Gerson Vicky Dalton - Melinda Page-Hamilton -
Inhaltsangabe : «Put me in the movie where I belong»: Dieser Satz, der als Leitmotiv des Films fungiert, steht auf dem alten Auto der Hauptfigur – eines verarmten, mittelmässigen und unbekannten Schauspielers, der sich für James Dean hält. Allerdings war Ethan Wildwood als Kind wirklich erfolgreich, damals als er den Helden des Western Billy Boy spielte. Dies brachte ihm eine Oscar-Nomination ein, woran sich aber niemand mehr erinnert. Da er später nie mehr als Schauspieler arbeiten konnte, entwickelte er sich auch nicht weiter. Die Erinnerung an seinen verflossenen Ruhm hält ihn jedoch gefangen, und er glaubt nach wie vor, für die Leinwand geboren zu sein. Er träumt, um der Realität zu entfliehen, was ihn aber gleichzeitig daran hindert zu leben. Eines Tages schlägt ihm ein Freund und Produzent vor, die Regie für einen Film zu übernehmen. Ethan zieht los, um Menschen auf der Strasse zu befragen. Als er Vicky und Nora trifft, nimmt seine Reise eine unerwartete Wendung... (Pressetext)
Anmerkungen: "Kakteen, ein Motel, ein Cowboyhut, Lederstiefel, eine Harmonika, eine Gitarre, die Nevada-Wüste, nicht zu vergessen die schöne Countrysängerin mit den langen Locken; all diese Roadmovie-Klischees, aneinander gereiht, verfolgen ein subversives Ziel: die Mythologie des Hollywood-Films zu entlarven. Die Handlung ist zweitrangig – was zählt, ist einzig die Darstellung einer künstlichen und gleichzeitig fatalen Welt, ein Produkt der siebten Kunst, in welcher der Held zwar leben möchte, die aber definitiv nichts mehr von ihm wissen will. Michel Beltrami bedient sich in brillanter Weise der Dekors, der mythischen Drehorte, des Lichts, der Tonspur und der Kadrage mit dem einen Ziel: nur das Beste von Hollywood zu nutzen, um diese unverwüstliche Traumfabrik zu untergraben." (Locarno 2004)

Tony Takitani

Regie:   Jun Ichikawa, Japan - 2004
Regisseur: Jun Ichikawa - Drehbuch: Jun Ichikawa - Story : Haruki Murakami novel - Kamera: Taishi Hirokawa - Musik: Ryuichi Sakamoto - Kostümbild: Shun Hirao - Makiko Hujii - Darsteller: Hidetoshi Nishijima - Rie Miyazawa - Ogata Issey -
Kritiken : Tony Takitani hat eine sehr einsame Kindheit. Seine Mutter stirbt kurz nach seiner Geburt. Sein Vater ist erfolgreicher Jazzmusiker, der fast ständig auf Tournee ist. In seinen besten Jahren verliebt er sich in die 15 Jahre jüngere schöne Eiko. Zum ersten Mal spürt er Liebe in seinem Leben. Doch schon bald kehrt die bekannte Einsamkeit – schlimmer denn je - zurück. "Tony Takitani ist die erste filmische Adaption von einem der Romane des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami. In Deutschland erscheint der gleichnamige neue Roman parallel zum Kinostart. Der japanische Regisseur Jun Ichikawa nähert sich seiner literarischen Vorlage mit äußerster Bescheidenheit. Sein filmisches Ergebnis erinnert daher eher an ein bebildertes Hörbuch als an einen eigenständigen Film. Das permanente Voice Over, das scheinbar den Originaltext rezitiert wird bisweilen von den Protagonisten aufgegriffen. So wendet sich etwa ein weinendes Mädchen direkt an den Zuschauer mit den Worten: „Ich weinte fürchterlich.“ Ichikawa beabsichtigt einen Verfremdungseffekt im Brecht’schen Sinne und der gelingt ihm auch. Für den Zuschauer jedoch ist dieses filmische Experiment zumeist ermüdend, was auch an der Thematik des Films liegt. Eines der zentralen Themen Murakamis ist die Einsamkeit. Tony Takitani gelingt es kaum in direkten Dialog zu seiner Frau zu kommen, und deshalb findet im Film selbst konsequenterweise kaum Dialog statt. Der Erzähler erzählt oder die Protagonisten wenden sich direkt an den Zuschauer. Die Kamera bewegt sich zumeist in Fahrten von links nach rechts, was wohl der Lesebewegung entsprechen soll. Selbst das Umblättern der Buchseiten wird visuell durch Fahrten über leere Wände simuliert. Der symbolische Gehalt der Figuren verdeutlicht sich dadurch, dass die beiden Hauptdarsteller Issey Ogata und Rie Miyazawa jeweils eine Doppelrolle übernehmen. Issey Ogata, der in Japan oft auch als Komiker mit Soloprogramm unterwegs ist spielt nicht nur den zutiefst ernsten und einsamen Tony, sondern zugleich auch dessen Vater. Rie Miyazawa übernimmt die Rolle der shoppingsüchtigen Ehefrau Eiko wie auch die des jungen Mädchens mit der gleichen Kleidergröße. „Ich habe das Gefühl, dass die Kleidung das ausgleicht, was in meinem Innersten fehlt“, sagt Eiko einmal, und ihre Shoppingsucht bekommt somit den Sinn, diese innere Leere auszufüllen. Auch die Räume in diesem Film sind auf minimalistische Weise mit Dekor ausgestattet. Zugleich wirken sie künstlich, geben stets den Blick auf urbane Wüsten frei. Der artifizielle Aspekt des Films wird so noch unterstützt. Auch der reduzierte Solo-Piano- Soundtrack unterstützt die kalte, einsame Atmosphäre des Films. Verantwortlich dafür zeichnet der mit vielen Preisen ausgezeichnete japanische Komponist Ryuichi Sakamoto, der auch die Musik zu Der letzte Kaiser und Der Himmel über der Wüste schuf. Trotz all dieses künstlerisch hoch ambitionierten Engagements mag sich beim Zuschauer so recht kein Gefühl für den Film einstellen. Das verwundert nicht, zielt dieser doch einseitig nur auf dessen Intellekt ab. Auf die Hauptfigur Tony Takitani passt, was der Ex-Mann Eikos sagt, als er diesen zum ersten Mal trifft: „Mit ihnen ist wirklich nichts los – genauso wenig wie mit Ihren Zeichnungen.“ Eine fehlende interessante Hauptfigur – das ist das eigentliche Problem dieses Films." (Nana A.T. Rebhan, www.arte-tv.com)

Wesele

Regie:   Wojtek Smarzowski, Polen - 2004
Regisseur: Wojtek Smarzowski - Kamera: Andrzej Szulkowski - Musik: Ryszard Tymon Tymanski - Schnitt: Pawel Laskowski - Architekt: Barbara Ostapowicz - Darsteller: Iwona Bielska - Arkadiusz Jakubik - Pawel Wilczak - Bartolomiej Topa - Maciej Stuhr - Tamara Arciuch - Marian Dzidziel - Jerzy Rogalski -

Yasmin

Regie:   Kenny Glenaan, Grossbritannien, Deutschland - 2004
Regisseur: Kenny Glenaan - Drehbuch: Simon Beaufoy - Kamera: Tony Slater-Ling - Musik: Stephen McKeon - Architekt: Jason Carling - Darsteller: Tammy Barker Anna - Rae Kelly Wendy - Emma Ashton Sam - Amar Hussain Kamal - Syed Ahmed Nasir - Steve Jackson John - Renu Setna Khalid - Archie Panjabi Yasmin - Shahid Ahmed - Suraj Dass Kashiff -
Kritiken : " Die pakistanischstämmige Erzieherin Yasmin ist in ihrer schottischen Gemeinde gerne gesehen und längst westlichen Idealen verbunden. Obwohl sie dem Vater zuliebe formell ihren Cousin geheiratet hat, mit dem sie kaum etwas verbindet, ist sie ihrer traditionellen Herkunft weitgehend entfremdet und geht ganz ihre eigenen Wege. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ändert sich das gesellschaftliche Klima in Nordengland mit einem Schlag. Plötzlich wird sie von ihren Arbeitskollegen/innen geschnitten, ihr bislang einfach in den Tag lebender Bruder schließt sich den Aufrufen radikaler Islamisten an und der Vater verliert alles, was ihm lieb und teuer war. Der ungeliebte Cousin und Ehemann wird wegen des Verdachtes einer terroristischen Verschwörung sogar verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Yasmin, die ihren ungeliebten Mann immer loswerden wollte, muss sich nun entscheiden, ob sie ihm helfen soll. – Der schottische Regisseur Kenny Glenaan erzählt, wie sich nach dem Terroranschlag vom 11. September auch in Nordengland das politische Klima verändert hat. Die muslimische und insbesondere die pakistanische Bevölkerung, die weitgehend integriert und allseits angesehen schien, wurde plötzlich pauschal als Brutstätte des Terrorismus eingestuft. Die Einheimischen reagierten mit Angst und Intoleranz, die Polizei verhaftete willkürlich Verdächtige – und verdächtig machte man sich bereits durch regelmäßige Telefonate nach Pakistan. Ganz unspektakulär inszeniert, mit einer eingewobenen kleinen Liebesgeschichte, vermittelt der Film, wie schnell Akzeptanz in Intoleranz umschlagen kann. Provokativ stellt er die Frage, inwieweit die Europäer durch Vor- und Pauschalurteile den aufkeimenden Extremismus eines Teils der islamischen Bevölkerung mit verursacht haben." (ht, kinofenster.de)