Anmerkungen und Allgemeines zum Film:"M" erzählt von einem Mann, der kleine Mädchen mordet. Die ganze Stadt Berlin gerät in helle Aufregung und Panik. Die Polizei sucht nach dem Mörder, den man ein Ungeheuer, eine Bestie nennt. Für die Suchmethoden, die dabei angewandt werden, hat sich heute das Wort "Rasterfahndung" eingebürgert. Damit es nach etwas aussieht, werden Razzien veranstaltet. Abend für Abend. Davon fühlt sich die Berufsverbrecherwelt gestört und beschließt, den Kinderschänder auf eigene Faust zu finden; auch um zu zeigen, dass sie mit "so einem" nichts zu tun hat. Der Film zeigt die Unterwelt bestens organisiert; eine Geheimgesellschaft, die, wenn es darauf ankommt, die ganze Stadt kontrollieren kann. Fritz Lang rückt staatliche Macht und Verbrecherwelt in eine zweideutige Identität. Die Unterwelt kann die Stadt besser kontrollieren und fasst den Kindermörder. Sie stellt ihn vor ein selbsternanntes Gericht. Gustaf Gründgens, der Anführer und Ankläger, fordert die Todesstrafe. Die versammelten Verbrecher äußern das Empfinden des gesunden Volkes. Die Huren sind gefühlvoll, die Ganoven haben ein unerbittliches Rechtsgefühl. In letzter Sekunde greift die staatliche Macht ein. Fritz Lang spricht 1931 über "die entsetzliche Angstpsychose der Bevölkerung, die Selbstbezichtigung geistig Minderwertiger, Denunziationen, in denen sich der Hass und die ganze Eifersucht, die sich im jahrelangen Nebeneinander aufgespeichert haben, zu entladen scheinen." Dieses gesellschaftliche Schreckensbild, nicht ohne Assoziationen zur Weimarer Republik und dem, was darauf folgen wird, hat zum Zentrum die Figur von Lorres Kindermörder. "M" war Peter Lorres erster großer Film. Diese Rolle machte ihn berühmt, war der Anfang und das prägende Signum seiner Karriere. Wie er den Mörder spielt - als ängstlich getriebener Mensch, beschränkt, geduckt und gehemmt - das erregt Abscheu und Mitgefühl zugleich. Ein hysterisch überreagierender Gehetzter, der seiner Neurose Menschenopfer bringt und am Ende selbst den Menschen zum Opfer fallen soll. Lorre muss Deutschland 1933 verlassen. Er ist Jude. Bald darauf wird aller Welt bekannt sein, welchen Unterschied es macht, ob einer mit dem Buchstaben "M" auf seinem Mantel umhergeht, oder mit einem nach Gesetzesvorschrift aufgenähten gelben Stern. Die Nazis sollten "M" und Peter Lorre nicht vergessen: Der Film wird verboten, aber in dem Propaganda- und Rechtfertigungsfilm "Der ewige Jude" von Fritz Hippler ist Lorre wieder zu sehen: Als Beweis für die Selbstdarstellung der schmutzigen Verkommenheit und Gemeingefährlichkeit des lebensunwerten jüdischen Untermenschen. "M" steckt voller Fingerzeige." (Roland Johannes, wdr Presse)
"Im Namen des Gesetzes: Das letzte Wort über Hans Beckert sprechen dann doch die Gerichte. Aber einige beunruhigende Sekunden lang bleiben die Sessel leer, auf denen die Vorsitzenden des Verfahrens gegen einen mutmaßlich psychisch gestörten Mädchenmörder schließlich Platz nehmen. Für diese kurze Frist lässt Lang diesen Prozess auf Messers Schneide stehen, bevor er noch beginnt. M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER ist eine Geschichte über die Selbstorganisation einer Gesellschaft, die gerade lernt, mit ihren Institutionen zu leben. Die Menschen glauben noch nicht daran, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Sie wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen, und Lang zeigt gleich mit der ersten Szene seines ersten Tonfilms, dass dies zu einer Logik des Ausschließens führt: Kinder stehen im Kreis, ein Mädchen sagt einen Auszählreim, und mit einem harmlosen Spaß sind alle Implikationen dieser Geschichte auf dem Tisch. Hans Beckert (Peter Lorre) ist der Schattenmann, seine Silhouette legt sich über das Wort "MÖRDER", mit dem er auf Plakaten gesucht wird. Licht und Schatten, Stille und Töne sind in "M" gleichwertig. Man kennt sein Gesicht noch nicht, aber das ist gar nicht nötig, denn erkannt wird er schließlich an einer Melodie, einem Lied, das er pfeift, wenn er unruhig ist. Beckert ist ein Triebtäter, sein letztes Opfer wird Elsie Beckmann, die alleine von der Schule nach Hause gehen muss, weil die Mutter (in einem typischen Berliner Hinterhof) gegen Geld anderer Leute Wäsche wäscht. Der Zeitungsjunge wird zum Unheilsboten: �spannend, aufregend, sensationell" sei, was er zum Lesen bringe. Da ist Elsie bereits überfällig, die Fiktionen halten mit der Wirklichkeit nicht Schritt, auch wenn dies Langs Ziel war. Die Suchaktion nach dem Mörder wird zu einer Parallelaktion der offiziell und der inoffiziell Zuständigen: Die Polizei ist immer einen Schritt langsamer als die Bettlerorganisation, die über die ganze Stadt ausschwärmen kann und an jeder Straßenecke einen Mitarbeiter hat. Kleinkriminelle sind auch dabei, sie betrachten sich als ganz normale Berufstätige, und es passt in die Klassenlogik des Films, dass die Bettler in ein Bürogebäude einbrechen müssen, um einen Mörder zu erbeuten, dem sie dann ein Femegericht bereiten, das schlimmer ist als die Heimsuchung Mabuses durch die Geister. Der Mörder, den Peter Lorre als gepeinigte Kreatur spielt, soll "ausgerottet werden". In letzter Sekunde eröffnet sich ihm der Ausweg einer gerechten Bestrafung auf dem Amtsweg. Nicht nur der Mörder, auch die Stadt ist gemeint in dieser Psychopathologie des Alltagslebens." (Filmarchiv Austria)
"Fritz Langs erster Tonfilm "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" zählt zu den Meisterwerken des deutschen Vorkriegskinos. Durch präzise Alltagsbeobachtungen, klare Figurenzeichnungen und die filmisch virtuose Schilderung der Menschenhatz erzeugt der expressionistische Kriminalfilm bis zuletzt atemlose Spannung - obwohl der einzige Mord nur durch das Rollen eines Balles und das Wegfliegen eines Luftballons angedeutet wird. Zeitungsberichte über den Serienmörder Peter Kürten inspirierten Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou zu einem Film über einen seelisch kranken Kindermörder, den Peter Lorre in seiner ersten Filmrolle so eindringlich verkörperte, dass er von diesem Image nie mehr ganz loskam." (ARD Presse) |