Hamlet

Regie: Sven Gade, Heinz Schall, , Deutschland, 1920

    Plakatmotiv Hamlet, © Art-Film GmbH


    Stab und Besetzung

    Produktion Art-Film GmbH
    Regisseur Svend Gade
    Heinz Schall
    Drehbuch Erwin Gepard
    Nach einer Vorlage von Edward P. Vinning [Entdeckte Legende "Hamlet"]
    Kamera Curt Courant
    Axel Graatkjær
    Musik Giuseppe Becce
    Architekt Erik Aaes
    Svend Gade
    Darsteller Asta Nielsen [Hamlet]
    Fritz Achterberg [Fortinbras]
    Mathilde Brandt [Königin Gertrude]
    Paul Conradi [König Hamlet von Dänemark]
    Anton de Verdier [Laertes]
    Lilly Jacobsson [Ophelia]
    Hans Junkermann [Polonius]
    Heinz Stieda [Horatius]
    Eduard von Winterstein [Claudius]

    Technische Angaben
    Technische Info: Format: 35 mm - Schwarz-Weiss Film,, 2367 Meter
    Tonsystem: silent
    Szenenphoto aus Hamlet, © Art-Film GmbH

    Inhaltsangabe
    Der eigenwilligen Interpretation Asta Nielsens nach war Hamlet eine Frau, die aus Gründen der Staatsräson als Prinz ausgegeben werden musste. Die ödipalen Konflikte Hamlets verlagern sich im Film auf die Konflikte einer jungen Frau, die ihre Leidenschaften nicht ausleben darf...

    Die von Asta Nielsen selbst produzierte Verfilmung des Hamlet-Stoffs beruft sich auf die Theorie eines amerikanischen Literaturwissenschaftlers, dass Hamlet eine Frau gewesen sei, und konstruiert dafür eine Vorgeschichte in bester Kintopp-Manier: Der alte König Hamlet ist schwer verwundet. Um die Krone zu retten, gibt seine Frau Gertrude ihr neugeborenes Kind als Junge aus. Was folgt, ist weitgehend aus dem Drama von William Shakespeare bekannt, wird nun aber aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, die aus Gründen der Staatsraison ihre wahre Natur und ihre Gefühle verbergen muss. Erst im Augenblick des Todes begreift Hamlets Gefährte Horatio, welch liebendes Herz unter dem Wams seines melancholischen Freundes schlug..... (Arte Presse)

    Kritiken
    Einer der Filme, von denen am meisten gesprochen worden ist und denen man deshalb mit einer gewissen Spannung entgegensieht. Sie wird nicht enttäuscht. Hamlet -- ein Weib? Dieser Versuch, das Rätsel des Dänenprinzen zu deuten, ist an sich reizvoll und dichterisch stark genug, um die großen Züge des Geschehens in der neuen Form des Films erstehen zu lassen. Ausdrücklich sei betont, daß nirgends aufdringliche Gelehrsamkeit zutage tritt, abgesehen von einem kurzen "Vorspann", der berühmte Männer mit ihren Ansichten über Hamlet zeigt und als Vorankündigung gedacht ist.

    Das ganze Spiel, das sich nun in fesselnden Bildern entrollt, heißt Asta Nielsen. Ihr schlanker, jungenhafter Körper im eng anliegenden schwarzen Wams, der melancholische Blick ihrer großen träumerischen Augen, eine ganz ursprüngliche kleine Geberde zwischendurch: das alles wirkt zusammen, um ihrem Hamlet von Anfang an tiefes menschliches Interesse zu sichern. Ganz neue Möglichkeiten tun sich auf, nun dieser Prinz ein verkleidetes Weib ist, das bei der Geburt von seiner Mutter als Prinz ausgegeben wurde, um den Thron zu erhalten und nun sein Leben lang an dem Fluch dieser Lüge zu tragen hat. Nach außen Mann, dem schöne Frauen sich lächelnd nahen, im Herzen tiefste Weibessehnsucht nach dem Freunde, der erst an dem Toten das Geheimnis entdeckt und über der Leiche in jäher Erkenntnis zusammenbricht.

    Um diese erschütternde Gestalt gruppieren sich eine Anzahl ausgezeichneter Darsteller. E. v. Winterstein gibt dem verbrecherischen Oheim, der dem Bruder Thron und Weib geraubt, die Wucht des Bösen und den Zwiespalt argwöhnischen Mißtrauens. Heinz Stieda als Freund Hamlets in frischer Lebendigkeit. Lilly Jacobssons Ophelia umkränzt die schwellende Fülle des Weibes mit mädchenhaftem Liebreiz. Der Polonius Hans Junkermanns etwas stark auf das Läppische eingestellt. Paul Conradi als Hamlets Vater -- den der Film in feiner Erkenntnis seiner Grenzen nicht als Geist erscheinen läßt -- Mathilde Brandt als Königin, Anton de Verdier als Ophelias Bruder und Fritz Achterberg als König von Norwegen vervollständigen das Bild.

    Die Bearbeitung der Sage durch Erwin Gepard paßte sich aufs glücklichste den Forderungen der Filmkunst an. Svend Gade und Heinz Schall bemühten sich um sorgfältige und saubere Regie und stellten das Ganze in einen ungewöhnlichen, reichen Rahmen. So entstehen Bilder von großer Schönheit, wie der träumende Prinz am Fenster, das Herabschreiten Hamlets auf der großen Treppe zum Bankettsaal mit dem weit nachschleppenden schwarzen Mantel, die lauernde Zwiesprache zwischen dem anscheinend wahnsinnigen Prinzen und dem König auf der Treppe vor dem Palast, die Opheliaszenen im Garten und Bogengang usw.

    Die Photographie, für die Curt Courant und Axel Graatkjer verantwortlich zeichnen, ist namentlich bei den Großaufnahmen von prachtvoller Weichheit im Ton. Die ausgezeichneten Bauten schuf S. Wroblewsky im Jofa-Atelier. (A.F., Der Film (Berlin) vol. 6, no. 6, 05 Feb 1921, p. 41., zitiert nach www.filmhistoriker.de)



    Im Mozartsaal gab es eine Ueberraschung: der "Hamlet" der Asta Nielsen ist eine Leistung. Das Wagnis konnte leicht verhängnisvoll werden. Daß es das nicht wurde, ist dem Spiel und der Fundamentierung der Idee zu danken. Shakespeares Hamlet ist ein Mann von etwa dreißig Jahren, ein Phantast, ein Träumer, ein Idealist von starkem Intellekt und geringer Tatkraft, eine problematische Natur. Der Hamlet der Nielsen ist -- ein Weib! Ein Weib, das weiß, daß es ein Weib ist, das alle Vorzüge und Schwächen des Weibes besitzt; das als Mädchen die Knabentrikots über die schlanken Beine streifen muß, um den Thron zu retten; das schließlich liebt. Shakespeares Hamlet tut alles, um nicht zu tun, was der Geist des gemordeten Vaters ihm befohlen hat; der Hamlet der Nielsen ist Rächerin, auch wenn einmal Hamletsches Verzagen dieses Weib in Männerkleidern überkommt. Der Gedanke der Rache [p. 47:] spricht aus der ersten Szene und endet mit der letzten. Dabei ist aber die psychologische Fundamentierung hier sehr viel breiter, vielleicht weniger interessant und einfacher, ersichtlicher, aber filmgerecht. Die Kunst des Bühnenwerks bleibt stets die Dichtung, die Kunst des Films ist die Handlung und das Spiel. Beides steht hier auf hoher Stufe: Die Nielsen ist die große Schauspielerin, die ihre reichen Mittel aus der Tiefe ihrer Seele schöpft. Neben ihr Eduard von Winterstein, ein brutaler, finster-harter und doch von dunklen Ahnungen gepeinigter Claudius, Heinz Stieda ein männlich-offener Horatio, Hans Junkermann ein etwas bühnen-schematischer Polonius. Fritz Achterberg ein kraftvoller Fortinbras und die blonde Dänin Lilli Jacobson eine reizende, etwas robuste Ophelia. Prachtvolle Bauten und prachtvolle Bilder... schwertklirrende Romantik, nordgermanische Rittertümlichkeit. Erdgeruch und Blutdunst über den grauen Gemäuern, nordischer Heidenebel über dem Heerbann Fortinbras'. Wo sind die Dänenrecken? fragt man Svend Gade und Heinz Schall, die die Regie geführt haben. Das Werk wird umstritten werden, aber es verdient, beachtet und betrachtet zu werden. (L.K.F., Deutsche Allgemeine Zeitung, 10 Feb 1921, quoted from Film und Presse (Berlin) vol. 2, no. 5/6, 12 Mar 1921, pp. 46-47., zitiert nach www.filmhistoriker.de)


    "Hamlet". Drama in einem Vorspiel und sechs Akten, nach der von Professor Vining aufgefundenen alten Hamletsage bearbeitet von Erwin Gepard. Regie: Svend Gade und Heinz Schall. Photographie: Curt Courant und Axel Graatkjer. Dekorationen nach Entwürfen von Svend Gade. Fabrikat Art-Film. (Mozartsaal.)

    Es ist bezeichnend, daß dieser Hamlet-Film schon lange vor seiner Uraufführung viel umstritten wurde. Man hat von Shakespeare-Fälschung geschrien und von der Gegenseite protestiert. Wenn man den Film gesehen hat, muß man konstatieren, daß die Proteste gerechtfertigt waren. Wohl schöpfen beide Werke, der Film wie das Bühnendrama, aus der gleichen Quelle, entlehnt der Film manche Szene vom Theater, ist aber in seiner ganzen Anlage und Ausgestaltung, die manches Neue und Schöne hinzufügt, grundverschieden von der Auffassung des großen Briten. Während Shakespeare aus seinem Hamlet einen Grübler und Philosophen macht, fügt der Film zu dem auch hier den Hintergrund bildenden Königsdrama vom verbrecherischen Oheim und der buhlenden Mutter einen neuen Konflikt. Auf die Urquelle der Hamletsage zurückgreifend, wie sie von dem amerikanischen Literaturforscher Professor Vining aufgefunden wurde, betont der Film neben dem psychischen noch den physischen Konflikt, der sich daraus ergibt, daß der Dänenprinz jener Sage nach ein Mädchen gewesen sein soll. Das kompliziert die Geschichte und gibt ihr eine überraschende Wendung.

    Schuld an dem Unheil hat die Königin Gertrude, die, während der König im Felde gegen die Norweger steht, einem Mädchen das Leben schenkt und auf das Gerücht vom Tode des Königs das Kind als Knaben ausgibt, um ihm den Thron zu erhalten. Als der König unerwartet heil aus dem Feldzug heimkehrt, muß er sich in den Betrug fügen, um das Prestige beim Volke nicht einzubüßen. Die Handlung wickelt sich dann zunächst ähnlich dem Drama ab, der Oheim vergiftet den König durch einen Schlangenbiß und reißt den Thron mitsamt der Königin an sich. Der von der Hohen Schule in Wittenberg heimkehrende Hamlet ahnt den Hergang und stellt sich irrsinnig, um dem Geheimnis besser nachforschen zu können. Nur sein Freund Horatio ist eingeweiht. Um Hamlet zu zerstreuen, sucht man ihn für Ophelia, die schöne Tochter des Kämmerers Polonius, zu interessieren. Hamlet geht scheinbar darauf ein, in Wirklichkeit liebt er seinen Freund Horatio, was ihm erst zum Bewußtsein kommt, als er merkt, daß Horatio Ophelia liebt. Durch eine wandernde Komödiantentruppe, die er den Königsmord darstellen läßt, verschafft sich Hamlet Gewißheit über die Täterschaft des Oheims. Bei der nachfolgenden Szene mit der Mutter ersticht er den hinter dem Vorhang lauschenden Polonius. Der Oheim Claudius erkennt, daß der Stoß ihm galt und versucht, sich Hamlets zu entledigen. Mit zwei Begleitern schickt er ihn zu dem lehnspflichtigen König Fartinbras von Norwegen, dem er befiehlt, Hamlet zu enthaupten. Fartinbras, sein Freund aus der Wittenberger Zeit, schließt aber neue Freundschaft mit Hamlet und beschließt, ihm zu helfen. Mit einem starken Heer zieht er nach Dänemark. Hamlet findet den Oheim in fröhlicher Zechgenossenschaft, macht den Entsetzten völlig betrunken und läßt ihn durch Feuer umkommen. Am Grabe Ophelias, die sich aus Gram ertränkte, fordert ihn ihr Bruder Laërtes zum Zweikampf. Seine eigene Mutter vergiftet die Degenspitze, die ihm den Tod bringt. Sie selbst ergreift aus Versehen den Giftbecher. Gerührt erkennt Horatio an der Leiche des Freundes, daß Hamlet ein Mädchen war. Der zu spät mit seinem Heer eintreffende Fartinbras kann den Freund nur noch ehrenvoll zu Grabe tragen.

    Der stark vom Drama abweichende Schluß gibt Gelegenheit zu imposanten Bildern, wie überhaupt die Regie äußerst eindrucksvolle Szenen geschaffen hat: Das Festmahl bei der Hochzeit des Königs in der weiten Halle, die Schule in Wittenberg, die Ankunft bei Fartinbras. Auch im Architektonischen und Landschaftlichen wird außerordentlich Schönes geboten, unterstützt durch saubere, klare Photographie.

    Asta Nielsen war die einzige, die den Dänenprinzen spielen konnte und sie spielt ihn hervorragend, eine Sarah Bernhard des Films (der sie in Kostüm und Geste ähnelte), spielt ihn so jünglingshaft, daß man darüber vergaß, daß er eigentlich ein Mädchen sein soll. Wenn man trotzdem manchmal sich des Gefühles nicht erwehren konnte, daß das gesprochene Wort fehlte, so mag das zum großen Teil am Manuskript liegen, das ängstlich jeden Anklang an Shakespeare mied und reichlich triviale Zwischentexte gab. Ueberdies scheint der Film stark beschnitten und wirkt in der konzentrierten Aufeinanderfolge der Ereignisse etwas überstürzt. Aber er bringt Szenen von starker Wirkung und wird immerhin ein interessantes Experiment bleiben.

    Neben Asta Nielsen stehen Namen von bewährtem Klang: Eduard von Winterstein (König Claudius), Mathilde Brandt (Königin Gertrude), Heinz Stieda (Horatio), Hans Junkermann (ein bißchen reichlich trottelhaft als Polonius), Lilly Jacobsson (Ophelia), Fritz Achterberg (Fortinbras) und Anton de Verdier als Laërtes. (Anonym, Der Kinematograph (Düsseldorf) vol. 15, no. 730, 13 Feb 1921, zitiert nach www.filmhistoriker.de)


    Selten ist wohl ein Film mit soviel Spannung erwartet worden, wie der Hamlet-Film der Asta Nielsen. Monatelang beschäftigten sich Fach- und Tagespresse damit. Endlich kommt die Erlösung. Zuerst eine Einleitung oder besser Erläuterung dieses Hamlets, den Asta Nielsen spielt. Gelehrte Forscher der Hamletsage ziehen am Auge vorüber, als letzter ein Amerikaner, der in Hamlet ein Weib sieht. -- Asta Nielsen verkörpert ihn, gibt ihm Gestalt, Leben. Freud und Leid. -- Wie groß steht diese Asta über ihren Mitspielern, denen zum Teil wirksames Ausspielen die Rolle vorschreibt, doch wie verblassen sie, wie z.B. Winterstein als Claudius, der seine Persönlichkeit erst zum Schluß wiederfand. Der Spion des Hofes, Polonius, Hans Junkermann trägt kräftiger auf. Heinz Stieda als Freund und heimlicher Geliebter des Hamlet schuf eine Figur, jedoch nur eine solche, ohne nachhallende Wirksamkeit. Lilly Jacobsson als Polonius' Tochter Ophelia war schwach. -- Erwähnenswert erscheinen mir aber der Laertes -- Anton de Verdier und Fortinbras -- Fritz Achterberg. -- Die Regie Svend Gades hat viel gute Arbeit geleistet, aber auch einige Schwächen, die hätten vermieden werden können. Photographisch ist der Film einwandfrei von Curt Courant und Axel Graatker aufgenommen worden. (Vr. Film und Presse (Berlin) vol. 2, no. 5/6, 12 Mar 1921, p. 46., zitiert nach www.filmhistoriker.de)



    Prinz Hamlet in (altem) neuem Gewand

    Premiere der wieder entdeckten, neu restaurierten Farbfassung

    Deutschland 1920/21

    Hamlet – eine Frau? Diese Umdeutung des tragischen Dänenkönigs mochte im Jahre 1921 nicht nur Literaturwissenschaftler und Shakespeare-Verehrer entrüsten, sondern auch dem damaligen, sich gerade erst im Umbruch befindenden Geschlechterverständnis zuwiderlaufen. Eine Frau in Wams und schwarzen Hosen, die sich nicht in die ihr gesellschaftlich zugewiesene Unmündigkeit ergibt, sondern eine moderne, eine „Neue Frau“, die für Ehre und Gerechtigkeit auch mal den Degen ergreift. Sicher, der Rollentausch wurde nicht aus der Forderung nach Gleichberechtigung vorgenommen; noch beruht er auf einem Geheimnis, einer Notlüge. Denn die Frau Hamlet kann sich ihr männliches Verhalten nur erlauben, weil sie bei ihrer Geburt aus Furcht um den Verlust des Thrones von der Mutter als Sohn ausgegeben wurde. Ihre Weiblichkeit muss sie verleugnen – das ist die psychologische Basis, die Drehbuchautor Erwin Gepard der inneren Zerrissenheit des Protagonisten zugrunde legt. Nicht nach dem Sein oder Nichtsein im allgemeinen wird hier gefragt, sondern nach der Selbstdefinition und Selbstbestimmung eines Individuums, das zum „Spielzeug“ der Mächtigen geworden ist.

    Die Tatsache, dass dieser neu erfundene Hamlet trotz vielfacher Kontroversen dennoch akzeptiert wurde, mag daran liegen, dass keine Geringere als Asta Nielsen ihm ihr Antlitz lieh. Die androgyne Dänin mit den großen Augen vermag es, den klassischen Helden von jeglicher Travestie fernzuhalten und seine tragische Aura um die Facette des inneren Geschlechterkampfes zu bereichern. Wo Komik entsteht – und der Film ist reich an ironischen und komischen Momenten –, ist sie weder auf einer Respektlosigkeit gegenüber dem Stoff noch auf einer burlesken Veralberung der weiblichen Scharade begründet.

    Mit seiner provokanten These und der in ihm vorgeführten neuen Weiblichkeit fügt sich dieser 1920/21 unter der Regie von Swend Gade und Heinz Schall entstandene „Hamlet“ nahtlos ein in die Reihe jener Filme, welche die diesjährige Berlinale-Retrospektive unter dem Titel „City Girls. Frauenbilder im Stummfilm“ zeigt. Und dennoch wurde ihm, aus gutem Grund, ein ganz eigenständiger Vorführungsrahmen zugestanden. Schließlich handelt es sich bei der gestern gezeigten Fassung des Films um die lange verloren geglaubte und 2005 vom Deutschen Filminstitut (DIF) unerwartet wieder entdeckte deutsche Premierenfarbfassung. Mit Hilfe der im Bundesarchiv – Filmarchiv, Berlin vorhandenen Zensurkarte und einer noch erhaltenen französischen Verleihkopie konnte die teilweise beschädigte und lückenhafte Nitrokopie originalgetreu vervollständigt und restauriert werden. Auch die ursprüngliche Einfärbung des Materials ließ sich rekonstruieren und auf die restaurierte Fassung übertragen. Dank der finanziellen Unterstützung der Sender ZDF und ARTE sowie der Hessischen Kulturförderung konnte so ein einzigartiges Stück Filmgeschichte auf der Leinwand der voll besetzten Volksbühne präsentiert werden.

    Einzig neu ist die von ARTE bei dem Komponisten und Klarinettisten Michael Riessler in Auftrag gegebene Musik. In Zusammenarbeit mit den Italienern Enrico Melozzi und Stefano de Angelis, die gemeinsam das experimentelle Duo „Lisma Project“ bilden, entwickelte der Improvisations- und Klangkünstler eine akustische Untermalung, die den Film auf zwei verschiedenen Ebenen begleitet. Ein vorproduziertes Einspielband, für dessen technische Leitung Federico Savina, der Tonmeister von Regiegrößen wie Fellini oder Leone, gewonnen werden konnte, liefert die orchestrale Basis, auf die während der Vorführung live gespielte historische Instrumente wie Nyckelharpa und Drehleier, aber auch elektronisch erzeugte Klänge Bezug nehmen. Alt und neu wurden hier zu einem zu keiner Zeit fremd wirkenden, sondern sich organisch verbindenden und sich nie von den Bildern abhebenden Ganzen verwoben. In fließenden Übergängen passt sich die Komposition Schnitt und Szenenwechsel an, ändert die Stimmung gemäß der von der Leinwand schimmernden, mal heiteren, mal düsteren Atmosphäre und flicht wie nebenbei Andeutungen von Geräuschen wie dem Sirren der Degen oder dem Knarren einer Tür in die musikalische Untermalung ein. Damit diese besondere Form der akustischen Begleitung kein flüchtiges Einzelerlebnis bleibt, wurde die Live-Aufführung des gestrigen Abends mitgeschnitten und kommt so in Zukunft, u.a. für die Fernsehausstrahlung der restaurierten Fassung auf ARTE im Juli 2007, auch jenem Publikum zu Ohren, das die Berlinale-Premiere des wieder gefundenen „Hamlets“ verpasst hat. (Jutta Klocke, Volksbühne Berlin, 10. Februar 2007)

    Anmerkungen
    «Hintergrundinformationen:
    Das durch Asta Nielsens eigene Produktionsfirma hergestellte Werk wurde der erste grosse internationale Erfolg des deutschen Films nach dem Ersten Weltkrieg. Als Drehorte dienten die mittelalterlichen Festungstürme, das gotische Rathaus und der prächtige Kaisersaal der kleinen Stadt Goslar im Harz. Die Innenaufnahmen entstanden auf dem Berliner Flugplatz Johannisthal, wo eine mächtige Glashalle zum Filmatelier umgestaltet wurde.
    Asta Nielsen, 1881 in Kopenhagen geboren, feierte ihr Filmdebüt in "Abgründe" (1910) von Urban Gad, der zu ihrem Ehemann wurde. Für ihn stand sie noch des Öfteren vor der Kamera, bevor sich auch Regisseure wie Ernst Lubitsch, Leopold Jessner und Georg Wilhelm Pabst für die Schauspielerin interessierten. Durch ihre Interpretation dunkler und extremer Frauenfiguren wurde Asta Nielsen zum Stummfilmstar und wirkte in knapp 80 deutschen Filmen mit. Mit ihrer präzisen Körpersprache und androgynen Erscheinung war sie für die Rolle des weiblichen Hamlet geradezu prädestiniert. Die kämpferische, leidenschaftliche und fortschrittlich denkende Frau starb 1972.
    Der Komponist und Klarinettist Michael Riessler, 1957 geboren, ist seit Jahren in unterschiedlichen Formationen zu erleben, in denen er Improvisation und Komposition, Sprache, Text und Bild, Tanz und Klang zu neuen Figurationen zusammenführt. Nach "Heimat 3" von Edgar Reitz wählte er für seine aktuelle Filmmusik "Hamlet", entstanden 2007 im Auftrag von ZDF/ARTE, eine Besetzung, die zwischen verschiedenen Epochen und Klangwelten changiert. Riesslers Komposition wurde mit verschiedenen Instrumenten und Samples früherer Aufnahmen vorproduziert und anschliessend zu einem grossen Raumklang gemischt.» (ARTE Presse)

    Martin Proskauer: Hamlet -- nicht von Shakespeare!

    Ich war gestern vier Stunden im Johannisthaler Atelier und habe zugesehen, wie Asta Nielsen spielt. Das war ein grosser künstlerischer Genuss, und ein ganz seltener noch dazu, denn noch nie habe ich eine Filmdarstellerin so spielen sehen. Seit langem schon halte ich Asta Nielsen für unsern ersten Filmstern, und diese Meinung hat sich gestern von neuem bestätigt. Ich glaube fast, dass der Film alle Feinheiten, das leise Zucken des Mundes, das Flattern der hochgeworfenen Hände nicht so wiedergeben kann, wie es meine Augen sahen. Kann es der Film doch, so wird er bestimmt ein grosser Erfolg, schon weil die Nielsen darin spielt.

    Sie ist Hamlet, Prinz von Dänemark. Soviel man aus den wirr einander folgenden Szenen entnehmen kann, ist im Filmmanuskript eine starke Anlehnung an Shakespeares Hamlet sichtbar. Die Herren vom Art-Film sagen, dass ihr Manuskript auf alten Hamletsagen beruht -- sicherlich ist es ihnen unverwehrt, an die Quelle zu gehen, aus der Shakespeare schöpfte; und wenn der Film fertig ist und gut ist, braucht niemand über Sakrileg zu schreien. Wer etwas kann, begeht keine Tempelschändung. Und die Nielsen kann, kann unglaublich viel. Eine ernsthafte Frage: hat noch kein Bühnenleiter Berlins versucht, diese Frau für sein Theater einzufangen?

    Ich sah die Szene des jungen Prinzen Hamlet in der Schule. Die Schulgefährten kommen, gehen an ihre Plätze, teils brav spielend, teils im Statisten-Übereifer zu derb auftragend. Dann kommt die Nielsen. Ganz in schwarz, die schlanken Beine im glatten Trikot, ein kleines Mäntelchen über den Schultern hängend, springt sie in ihren Platz. Sie schlendert einen Schritt, wirft die Bücher hin -- sie ist ein unerhört schlanker Knabe, ein ganz junger, sorgenloser, froher Mensch.

    Ich stehe dabei, eingequetscht zwischen den Jupiterlampen, und bin ganz vom Spiel dieses Knaben-Prinzen eingefangen. Asta Nielsen legt ein Bein übers andere, gelangweilt hängt ihre Hand über die Knie -- so und nur so sieht ein Prinz aus, der nicht lernen mag.

    Der Magister ist fort, die Schüler toben. Prinz Asta springt ans Katheder, steckt übermütig die Gänsefeder vom Schreibgerät in das schwarze Haar und spielt Magister.

    Ich glaube, ein sehr kritisch und negierend anspruchsvoller Mensch zu sein, und ich gestehe, dass ich in jedem Augenblick entzückt und hingerissen war.

    Die nächste Szene. Der Gesandte bringt in die tobende Jünglingsschar die Botschaft vom Tode des Vaters an Hamlet. Asta Nielsen öffnet das Pergament, erbleicht (erblichte sie nicht? Ich könnte schwören, dass sie erbleichte), taumelt und verzerrt den Mund in wortesuchender Qual.

    Asta Nielsen ist nicht schön, nicht hübsch. Sie weiss es sicher selbst. Aber als sie diese Szene spielte (vielleicht fünf Meter Film), den jäh in Trauer gestürzten Knaben, da sah ich plötzlich zur Seite, wo zwei Damen zuschauend standen. Und die Damen weinten. -- --

    Was an Frau Asta Nielsen so reizvoll ist, kann man schwer sagen. Sie ist überschlank, es tat mir leid, sie mit Eisenhelm und schwerem Schwert stehen zu sehen, sie ist ganz schmucklos schwarz, sie agiert nicht, sie spricht nur, wenn sie muss -- und doch gehört die Szene ihr, wenn sie spielt -- nicht nur, weil sie der Filmstern ist, nein, weil sie die grösste Könnerin ist. Diese Frau könnte spielen, was sie wollte, es würde lohnen, hinzugehen.

    Mir fällt ein, dass ich sie vor Jahren in einem Lustspiel sah, "Das Eskimobaby". Da war sie ein aus Eismeergegenden in die Kultur geratenes Eskimofräulein. Das war so lustig, so voller Pointen, und graziösen Witzes -- nicht das Stück, das war schwach -- aber ihr Spiel.

    Ich erinnere Frau Nielsen daran. "Ja", sagt sie, "ich weiss wohl. Ich habe mit viel Vergnügen gespielt, denn es macht mir Spass, etwas Lustiges zu spielen. Ich würde es auch jetzt gern spielen, aber es lohnt der Mühe nicht."

    Beim Plaudern betrachte ich sie in der Nähe. Das Gesicht dieser Frau ist charaktervoll in jedem Zug. Dies Augen leben, dieser Mund gehorcht im Ausdruck wie ein edles Tier dem, der es meistert. Und die Hände. Ich habe mit Frau Nielsen nicht darüber gesprochen, aber sie weiss sicherlich, dass beim Spiel (noch dazu beim stummen) die Hände den halben Ausdruck und mehr ersetzen. Die Hände dieser Frau sprechen für sich und für sie: kräftig, schlank, in jeder Sehne ausgearbeitet, mit gut angesetzten geraden Fingern, sind sie wie ein wundervolles Instrument. Dabei sind die Hände von Nervosität durchbebt, der eigenen Kraft bewusst. -- --

    Eine neue Szene ist bis zur Probe fertig. Frau Nielsen geht zum Umkleiden, man probt ohne sie. Sie probt nicht mit; nur einmal arbeitet sie, mehr für den Regisseur und die Mitspieler als für sich, die Rolle des Augenblicks durch, das genügt.

    [p. 2:] Svend Gade, Asta Nielsens Landsmann, leitet die Aufnahmen mit einer unerhörten Ruhe. Kein Schreien, kein lautes Wort, kein Hetzen. Von ihm sind auch die dekorativen Bauten, die soviel ich sah, an Geschmack, Solidität und Stilreinheit hohe Qualität darstellen.

    Ringsum klopft und hämmert es. Die sonderbare halbwirkliche Welt des Films ist um uns aufgestiegen. Hier steht ein Thronsessel und ein Stück Saal, der bis hinten hin ins Freie führt. Nein -- das ist ja ein Riesenhimmel aus blauer Leinwand. Das Freie steht ein Güterzug, liegen Bretter, knattert ein Doppeldecker durch die Luft.

    Ich wende mich in die entgegengesetzte Richtung -- da steht eine Säule, halb nur schwingt sich ein Bogengewölbe von ihr, wo das Filmobjektiv nicht hinreicht, hört der Zauber auf. Dahinter steht die Prinzenschule, sehr echt in Bau und Farbe. Da sitzt die Statisterie und erhöht im Moment mit ihren Trachten das Gespenstige der jähen Echtheit.

    Zu mir tritt Herr Wingard, Asta Nielsens Gatte und Inhaber des "Art-Films" und sagt:

    "Man sollte eigentlich nicht fremde Augen in das Werden des Films hineinsehen lassen. Es gibt ein falsches Bild, lässt vielleicht Dinge wichtig erscheinen, die im Filmspiel nebensächlich sind, und verlegt das Ganze vom künstlerischen Standpunkt auf eine Art Sensation ausserhalb des eigentlichen Zieles."

    Herr Wingard hat recht. Im allgemeinen sollte man nicht zusehen, wenn Lissy-Pussy oder Fredy Meierini ihrem Filmtalent freie Bahn lassen, aber hier ist es etwas anderes. Hier ist ein Mensch, der von heissem Betätigungsdrang erfüllt ist, der ein ganz grosser Könner in seinem Reich ist, am Werk; hier kann man fast körperlich die Hand an die feinsten Wurzeln dessen legen, was wirklich Kunst im Film ist. Hier kann man froh sein, wenn man zusieht.

    Und jetzt, Frau Nielsen, vestehe ich auch, warum Sie nicht leiden mögen, wenn allzuviel Volk zuschaut. Sie schaffen jäh, spontan in der Rolle sich entflammend, Stück für Stück das ganze Spiel, Sie sind jedesmal mit allen Nerven der Mensch, den die Rolle will. Sie geben sich jedesmal von neuem aus -- es ist ein Blossheitsempfinden und eine künstlerische Scham.

    Und diese ehrt Sie ebenso wie Ihr grosses Können Sie über die andern erhebt.

    Ich bin noch nie so begierig gewesen, einen Film zu sehen, wie diesen "Hamlet", von dem Shakespeare nichts weiss. (Film-Kurier (Berlin) vol. 2, no. 166, 30 Jul 1920, pp. 1-2., zitiert nach www.filmhistoriker.de)

    «Ein Höhepunkt der diesjährigen Retrospektive ist die Erstaufführung der wieder entdeckten Farbfassung von Hamlet (Deutschland 1920/21) mit Asta Nielsen in der Titelrolle am 10. Februar in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der Film gehörte zwar nie zu den verschollenen Werken der Stummfilmkünstlerin, war aber nur in einer Schwarzweiss-Fassung überliefert. Für die aufwändig restaurierte Farbfassung hat der Komponist und Klarinettist Michael Riessler eine Musik geschrieben, in der archaische Naturklänge sich mit elektronisch generiertem Material und dem Klang historischer Instrumente verbinden.

    Die Restaurierung des Hamlet ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Filminstituts (DIF) mit dem ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE. Sie basiert auf einer bislang unbekannten und einmaligen Kinokopie der originalen deutschsprachigen Verleihfassung. Der Film wurde gemäss der seinerzeit üblichen Praxis mit Schwarz-Weiss-Negativmaterial gedreht und die Positive anschliessend mit unterschiedlichen Verfahren polychrom eingefärbt.

    Vor der Wiederaufführung geben Claudia Dillmann (DIF), Nina Goslar (ZDF/ARTE), Karola Gramann (Kinothek Asta Nielsen) und Anke Mebold (DIF) in einem Podiumsgespräch im Filmhaus am Potsdamer Platz Auskunft über die Bedeutung des Films und die Hintergründe seiner Restaurierung. Das Gespräch wird moderiert von Dr. Rainer Rother, dem Leiter der Retrospektive. ARTE wird die restaurierte Fassung des Hamlet im Juni 2007 erstmals ausstrahlen.

    Hamlet wurde am 4. Februar 1921 im Berliner Mozartsaal uraufgeführt. Eine kompositorisch abweichende amerikanische Fassung, die mit einer zweiten Kamera parallel gedreht wurde, hatte noch im selben Jahr in New York Premiere. Für Hamlet hatte der Drehbuchautor Erwin Gepard eine sehr freie Interpretation des Shakespeare’schen Originalstoffes verfasst, die in der zeitgenössischen Kritik umstritten war. Die Dramaturgie des Films wird von den Auswirkungen eines Geschlechtertauschs des Titelhelden getragen: Um die Thronfolge zu sichern, gibt die dänische Königin ihre Tochter als Knaben aus.

    Hamlet in der Regie von Svend Gade und Heinz Schall ist der erste Film der von Asta Nielsen und ihrem Mann 1920 in Berlin gegründeten Produktionsfirma Art Film. Mit Art Film schuf sich Asta Nielsen die Möglichkeit, in finanzieller und künstlerischer Unabhängigkeit ihr Filmschaffen zu gestalten. Die Firma realisierte von 1920 bis 1922 insgesamt drei Filme. » (www.berlinale.de)

    Hamlet ist ein Film, der im Jahr 1920 in Deutschland produziert wurde. Regie führte Sven Gade, Heinz Schall, mit Asta Nielsen, Fritz Achterberg, Paul Conradi, Lilly Jacobsson, Hans Junkermann, in den wichtigsten Rollen.



    Literatur Hinweise La Cinémathèque Suisse # 131, pg 15f
    Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, hg von Günther Dahlke und Günther Karl, Berlin 1988, pg 50f
    Katalog Il Cinemat Ritrovato, Bologna 2007, pg 90

    Referenzen zum Film in anderen Datenbanken:

      Unter anderem wurde der Film bei folgenden Filmfestivals aufgeführt:


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