Die Büchse der Pandora

Regie: Georg Wilhelm Pabst, , Deutschland, 1928

    Plakatmotiv Die Büchse der Pandora, © Nero-Film AG, Berlin


    Stab und Besetzung

    Produktion Nero-Film AG, Berlin
    Produzent Seymour Nebenzahl
    Regisseur Georg Wilhelm Pabst
    Drehbuch Ladislaus Vajda
    Nach einer Vorlage von Frank Wedekind [Erdgeist / Büchse d. Pandora]
    Kamera Günther Krampf
    Schnitt Joseph R. Fliesler
    Architekt Gottlieb Hesch
    Kostümbild Gottlieb Hesch
    Darsteller Siegfried Arno [Regisseur des Cabaret]
    Louise Brooks [Lulu]
    Daisy d'Ora [Schöns Verlobte]
    Gustav Diessl [Jack the Ripper]
    Karl Goetz [Schilgoch]
    Fritz Kortner [Dr. Peter Schön]
    Krafft-Raschig [Rodrigo Quast]
    Franz Lederer [Alva, Schöns Sohn]
    Alice Roberts [Anna]

    Technische Angaben
    Technische Info: Format: 35 mm - Schwarz-Weiss Film,Länge: 100 Minuten, 4265 Meter
    Tonsystem: silent
    Premiere: 9. Februar 1929 in Berlin, Gloria Palast
    Erstzensur: Berlin 1. Februar 1929 No B.21540 Entscheid: Jugendverbot
    Szenenphoto aus Die Büchse der Pandora, © Nero-Film AG, Berlin

    Inhaltsangabe
    Dr. Schön (Fritz Kortner), ein mächtiger Zeitungsbesitzer, erliegt dem erotischen Bann des Blumenmädchens Lulu (Louise Brooks). Durch einen Skandal zur Heirat gezwungen, initiiert Schön noch in der Hochzeitsnacht ein Handgemenge mit seiner jungen Frau, in deren Verlauf sich ein Schuss löst. Schön stirbt und Lulu wird verhaftet. Schöns Sohn Alwa (Franz Lederer) und die Gräfin Geschwitz (Alice Roberts), die ihr ebenfalls verfallen sind, befreien Lulu während des Prozesses und fliehen mit ihr und ihrem proletarischen 'Mentor', Schigolch (Carl Goetz), ins Ausland. Auf der Flucht geht das Geld langsam zur Neige und Lulu muss sich schliesslich in London als Prostituierte verdingen. Dort treibt gerade Jack the Ripper (Gustav Diessl) sein Unwesen - eine fatale Begegnung...

    Szenenphoto aus Die Büchse der Pandora, © Nero-Film AG, Berlin

    Kritiken
    "Deutsche Qualitäts-Filmarbeit. Ein nicht alltägliches Einsetzen von Kapital und Künstlerschaffen. Jenseits aller Kritik muss dieser Film gewertet werden als erfreuliche Tat, als Ansporn, als Kampfansage gegenüber dem Mittelfilm-Einerlei. [...] In augenscheinlich glücklicher Zusammenarbeit mit dem Regisseur wird mit einem Minimum an Titeln ein klarer, prägnanter Bildstil 'geschrieben'. [...]
    Pabst hat nie die unselige deutsche Filmmode des übertriebenen langen Ausspielens mitgemacht, er huldigte nie der Theorie, dass nur da wahre Filmkunst ist, wo Langeweile dominiert. Er sorgt für Bewegung, er beherrscht die Kunst des Untermalens durch Details und Zwischenschnitte. [...]
    Zwei Faktoren machen den Film zu einem Kunstwerk: die geniale Kamera-Leistung von Günter Krampf und die glänzende Darstellung. Pabst holt aus einem sorgfältig zusammengestellten Ensemble Wirkungen heraus, die wahre Filmkunst sind, die in dieser Form die Bühne nicht nachzuahmen vermag.
    Da ist die seit Monaten vieldiskutierte Lulu der Louise Brooks. Die passivste Rolle des Films. Pabst läßt seinen Film um diese Frau spielen, läßt um sie herum Tragödien geschehen und Menschen zugrunde gehen. Sie steht da, lächelnd, in kindlicher Freude am Sinnengenuß. Zuweilen wird sie etwas unwillig, wie ein Schulmädel, dem irgend etwas schief gegangen ist. Pabst macht aus der Lulu keinen Vamp, den man hassen soll, sondern einen Frau, die nichts für ihre Wirkung auf die Männer kann. In diesem Sinne ist die Brooks eine glänzende Interpretin, und es ist wirklich schwer unter den deutschen Darstellerinnen jemand zu finden, der an ihre Stelle hätte gesetzt werden können. [...]
    Auch Fritz Kortner macht mit des Regisseurs Hilfe seine schwierige Rolle begreiflich. [...] Da ist dieser Schön, allmächtiger Chefredakteur, mit erstklassigen Beziehungen, ein Willensmensch, der nicht etwa blind sich seiner Leidenschaft hingibt, sondern der genau um die Gefahr weiß, der sich freimachen will und doch nicht kann, der wissend an Lulu zugrunde geht. Kortner, wohltuend zurückgehalten, bringt in seinem Zusammenspiel mit der Brooks die stärksten Effekte des Films. So die Kulissenszenen, wo er inmitten staubigen Bühnengerümpels ihrem Körper für immer erliegt.
    Im Formen seines Abgangs erreichen Manuskript und Regie eine Höchstleistung: Kortner küßt mit erlöschender Kraft seine Mörderin, seine letzten Hirnregungen sind das Wissen, daß sein Sohn sein Schicksal teilen wird. [...]" ("Der große Abend der Süd-Film: Der Lulu-Film". Georg Herzberg in: Film-Kurier Nr. 37, 11.2.1929)

    "Die dramatische Fiktion der Femme fatale mit ihrer irritierenden Mischung aus Vitalität und Passivität, Triebbefriedigung und Unschuld, Leidenschaft und Kühle ist in Louise Brooks' Verkörperung zu einer modernen Frau und gleichzeitig zu einer Ikone der Filmgeschichte geworden. Pabst hat eine besondere Begabung in der Inszenierung seiner häufig gegen die Star­Konventionen besetzten Hauptdarstellerinnen. Für die Aufnahmen mit Louise Brooks ließ er besonders weichzeichnendes Filmmaterial verwenden, um den Lichtgloriolen­Glanz, den er um ihr häufig im Halbprofil gezeigtes makelloses Gesicht legt, als Ausdruck vibrierender Erotik einzufangen. Ihr Blick scheint dem Gegenüber zu gelten, heftet sich aber nie an ihn, sondern vagabundiert. Blicke, offene und verstohlene, aktive und verschämte, sind ein zentrales Aktionselement des Films.

    Obwohl alle Männer Lulu begehren, und Pabst dies in Tableaus unterstreicht, in denen sie sich fast immer zwischen Männern bewegt, sind diese – das legt ihr Gestus nahe – zu losgelöster Körperlichkeit und Sexualität kaum in der Lage.

    Ganz im Gegensatz dazu Lulu. Sie bewegt sich trotz aller Bedrängnis locker und wird zumeist frontal oder in Seitensicht gezeigt. Wenn Pabst ihren Rücken, Nacken und ihre Schultern zeigt, sind diese unbekleidet, und Licht sowie Kamerablick modellieren erotischen Zauber. Im Blick darauf formuliert Pabst jedoch auch die Komplementäre dieses Zaubers: Obsession und Besitzanspruch." (Jürgen Kasten, in: Metzler Film Lexikon; Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 1995)

    Anmerkungen
    1894 veröffentlicht Frank Wedekind den ersten Teil seiner Lulu-Tragödie, Der Erdgeist. 1902 folgt mit Die Büchse der Pandora der zweite und letzte Teil, der nach langem Prozess schliesslich verboten wird. Erst 1913 werden beide Stücke unter dem Titel Lulu zusammengeführt. Wedekind erzählt dort die Geschichte um "das wahre Tier, das wilde, schöne Tier". Gemeint ist eine junge, unreflektierte und im Grunde unschuldige Frau, die triebhaft an ihrer eigenen Natur zugrunde geht und dabei ihr Umfeld mit ins Verderben stürzt.
    Bereits 1917 wird der skandalträchtige Stoff unter dem Titel Lulu von Alexander von Antalffy verfilmt, eine zweite Version folgt 1923 mit Asta Nielsen (Der Erdgeist, Regie: Leopold Jessner). Doch erst Georg Wilhelm Pabst macht aus dem umstrittenen Bühnenstoff ein Meisterwerk der Filmgeschichte. Nach der Premiere der Büchse der Pandora am 9. Februar 1929 im Gloria Palast in Berlin ist das Echo zunächst geteilt. Während manche KritikerInnen Pabst Manierismus und Oberflächlichkeit vorwerfen, erkennen andere die herausragende filmische Leistung des Regisseurs.

    Georg Wilhelm Pabst gilt als Regisseur der sog. Neuen Sachlichkeit. Mit dem Ausspruch "Wozu soll eine romantische Behandlung noch gut sein? Das wirkliche Leben ist ja schon romantisch, ja grausig genug." wendet er sich vom Expressionismus und vom sog. Kammerspielfilm ab, um sich einer 'realistischeren', psychologisch vertieften und (in Massen) sozialkritischeren Kunst zu verschreiben.
    In Filmen wie Die Liebe der Jeanne Ney und Die freudlose Gasse löst er diesen Anspruch ein. Pabst erweist sich als Meister des Schnitts, bei dem er konsequent den Regeln des continuity editing folgt. Bei ihm wird der Schnitt geleitet durch die Bewegungen der Figuren, die er nahtlos aneinander knüpft, und durch deren begehrliche Blicke, die in einem feinen Netz alle ProtagonistInnen mitwinander verweben. Damit erreicht er eine im deutschen Film unerreichte fliessende Inszenierung. Bei Pabst 'verschwindet' der einzelne Schnitt durch die Präzision seiner Setzung.
    Auch Die Büchse der Pandora folgt diesem Inszenierungsstil, doch der Film geht in wesentlichen Punkten über den Stil seiner Vorgänger hinaus, was seinem Regisseur, wie oben kurz beschrieben, nicht nur Lob einbrachte. Die in der zeitgenössischen Kritik bewunderte Kameraführung Günter Krampfs geht u.a. zurück auf Pabsts Faszination von Grossaufnahmen. In deren Zentrum steht Louise Brooks als Lulu. Ihr kindlich weiches Gesicht mit dem zur Ikone gewordenen Bubikopf stilisiert Pabst ins Unendliche. Immer wieder unterbrechen Grossaufnahmen der Brooks Pabsts ansonsten fliessende Inszenierung und heben die Figur der Lulu aus Zeit und Raum in einen beinahe abstrakten Bildraum, der sich gänzlich ihrem Antlitz unterordnet. Es scheint fast so, als hielte dieses Gesicht nicht nur die Figuren des Films sondern auch ihren Regisseur gefangen. Er verleiht den Bildern der Brooks beinahe halluzinatorische Qualität und Tiefe, die weder Brooks noch Pabst jemals wieder mit anderen Partnern erreichten.

    Louise Brooks alias Lulu ist das visuelle und narrative Zentrum des Films. Um sie kreist sowohl das erotische Begehren von Alwa, der Geschwitz und Schön als auch das ökonomische Interesse von Schigolch, Rodrigo und Casti-Piani. Alles in der Pandora geschieht durch sie oder um sie herum und trotzdem ist sie keine Protagonistin im klassischen Sinne. Lulu agiert nicht, zur Femme fatale, zum Vamp, fehlt ihr die Intentionalität und die Bösartigkeit. Dadurch wird sie zur Projektionsfläche der Begierden ihrer Mitmenschen. Lulu ist weder gut noch böse, weder aktiv noch passiv; sie bleibt ein androgyner grossherziger Freigeist, der sich nicht vereinnahmen lassen will.
    Diese scheinbare Teilnahmslosigkeit verführte einige KritikerInnen zu der Aussage, die Brooks könne nicht schauspielern. Ohnehin nahm man es Pabst übel, eine Amerikanerin für "unsere deutsche Lulu" engagiert zu haben.

    Lotte Eisner, die in Die dämonische Leinwand noch die Frage stellte "Ist sie wirklich eine grosse Schauspielerin oder ist sie lediglich ein blendendes Geschöpf, dessen Schönheit den Zuschauer verführt, ihr vielfältige Eigenschaften zu verleihen, denen sie im Grunde fremd bleibt?" beantwortete dies Jahre später selbst, als sie Brooks als Person beschrieb, die "durch ihre unbezweifelbaren Eigenschaften des Verstandes und des Herzens gespeist wurde: Freimütigkeit der Meinung, Klarheit in der Beobachtung von Menschen und Dingen, die Gewohnheit, sich mit völliger Aufrichtigkeit zu äussern".
    Brooks selbst sagte über ihre Zusammenarbeit mit Pabst: "In Hollywood war ich ein hübsches flatterhaftes Ding, dessen Charme für die Verwaltung in dem Masse abnahm, wie meine Fan-Post zunahm. In Berlin betrat ich den Bahnsteig, lernte Pabst kennen und wurde eine Schauspielerin."
    Diese Verwandlung führt sie auf Pabsts Einfühlungsvermögen bei der Regie seiner DarstellerInnen zurück: "Alles was ich dachte und alle seine Reaktionen schienen zwischen uns in einer Art wortloser Kommunikation ausgetauscht zu werden. Mit den anderen Leuten seiner Umgebung redete er immer und endlos auf seine aufmerksame Art und Weise, lächelnd, gespannt; und er sprach ruhig, mit einer wunderbaren zischenden Präzision. Aber mit mir sprach er manchmal den ganzen Morgen kein Wort; doch plötzlich dann beim Lunch wandte er sich an mich und sagte: 'Louiiiss, morgen früh müssen Sie auf eine grosse Kampfszene mit Kortner vorbereitet sein', oder: 'In der ersten Szene heute nachmittag werden Sie weinen.' So gab er mir seine Regieanweisungen. Mit einem intelligenten Schauspieler setzte er sich zu einer ausführlichen Erklärung zusammen; mit einem alten Hasen sprach er die Sprache des Theaters. Aber mich erfüllte er auf magische Weise mit einem einzigen klaren Gefühl und schickte mich dann einfach in die Arena. Und das galt auch für die Handlung. Pabst belastete meine Gedanken niemals mit Dingen, die nicht direkt mit einer Szene zu tun hatten."

    Louise Brooks war trotz ihrer faszinierenden Stimme keine Karriere im Tonfilm beschieden - nach eigener Aussage langweilte sie sich. Ihre Intelligenz und ihren sprühenden Wortwitz brachte sie dennoch in unzähligen Essays über Hollywood und seine Stars zu Papier. 1985 starb Louise Brooks im Alter von 79 Jahren. Zwei Jahre zuvor erschienen ihre Essays unter dem Titel Lulu in Berlin und Hollywood erstmals in deutscher Sprache. / StummFilmMusikTage Erlangen

    Die Büchse der Pandora ist ein Film, der im Jahr 1928 in Deutschland produziert wurde. Regie führte Georg Wilhelm Pabst, mit Krafft-Raschig, Louise Brooks, Daisy d'Ora, Gustav Diessl, Karl Goetz, in den wichtigsten Rollen. Der Film hatte am 09. Februar 1929 in Berlin, Gloria Palast seine Premiere.



    Literatur Hinweise Fernaldo di Giammatteo, 100 film da salvare, pg 87ff
    Viennale '93, pg 235
    50 Jahre Deutscher Film Nr. II, pg 38ff
    Der Film der Weimarer Republik 1929, Nr. 21
    - Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, hg von Günther Dahlke und Günther Karl, Berlin 1988, pg 176ff

    Referenzen zum Film in anderen Datenbanken:

      Unter anderem wurde der Film bei folgenden Filmfestivals aufgeführt:


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