Ein ganz gewöhnlicher Jude


Szenenfoto aus dem Film 'Ein ganz gewöhnlicher Jude' © Production

Germany, 2005

Director: Oliver Hirschbiegel
Scenario: Charles Lewinsky
Director of Photography: Carl-Friedrich Koschnick
Art Director: Christian Bussmann
Costume Design: Claudia Bobsin
Cast: Ben Becker, Ben Becker, Siegfried W. Kernen
Technical Details: ,Length: 93 minutes
Sound System: not indicated
First Screening: January 19, 2006 in

Reviews in German: "Ein ganz gewöhnlicher Mensch will er sein. Ein ganz gewöhnlicher Jude. Nichts, rein gar nichts wünscht er sich sehnlicher als das. Aber wie soll das gehen? Nichts ist gewöhnlich daran, als Jude in Deutschland aufgewachsen zu sein. In einem Land, ausgerechnet, das die Juden systematisch zu vernichten versucht hat. Ben Becker ist Emanuel Goldfarb, ein Hamburger Journalist. Er hat eine Einladung von einem Lehrer erhalten: Ob er nicht vor einer Klasse über sein Leben als Jude in Deutschland sprechen möchte.

Der vorsichtig, mit peinlichem Bedacht geschriebene Brief ist der Ausgangspunkt für einen dramatischen Monolog. Es geht darum, die entschiedene Absage zu formulieren. Ben Becker in der Rolle des Juden Goldfarb wird dabei wütend werden, zynisch, selbstkritisch und manchmal pathetisch. Er wird Bilanz ziehen: Sein Leben als Jude wird er erzählen, seine Geschichte - viel zu viel für einen Menschen.

Oliver Hirschbiegel macht einen Film wie diesen nicht zum ersten Mal, das ist nun kein Experiment mehr. Hirschbiegel kommt, wie man weiß, von der Bildenden Kunst. An der Hamburger Hochschule der Künste hat er Grafik und Malerei studiert, über Rauminstallationen und Performance-Auftritte näherte er sich allmählich dem filmischen Inszenieren an. Eine Affinität zum epischen Erzählen ist bei Hirschbiegel bisher nicht erkennbar. Ihn interessiert noch immer vor allem die Performance, das Kammerspiel, das sich auf eine Figur konzentriert. Wie zuletzt 2002 mit "Mein letzter Film": mit einer großartigen, betörenden Hannelore Elsner als alternder Schauspielerin, die mit der pseudo-dokumentarischen Kamera flirtet. Einer Frau, die Bilanz zieht, so wie eben jetzt der Jude Goldfarb, wobei die Ausgangsituation natürlich eine ganz andere ist.

Wie schon bei "Mein letzter Film" gibt es auch für "Ein ganz gewöhnlicher Jude" eine literarische Vorlage. Charles Lewinsky hat sie geschrieben, ein verdächtig versierter Autor, im Grunde ein schreibender Tausendsassa, der in der Welt des Theaters scheinbar ebenso unbeschwert zuhause ist wie im Fernsehen. Seinem Text fehlt es nicht an Eloquenz, weder an Witz noch Scharfsinn. Und Ben Becker interpretiert ihn souverän. Hirschbiegel inszeniert dabei gewohnt minimalistisch. Perspektiv- und Einstellungswechsel, die eine oder andere beiläufig erscheinende Handlung wie Kaffeekochen, Rauchen oder Weintrinken durchbricht die Monotonie der Situation. Becker bewegt sich angestrengt und ruhelos durch diese monochrome Hamburger Wohnung, die nicht Zuhause, sondern vielmehr Requisite ist. Das erzeugt eine gewisse Künstlichkeit, die dieser Inszenierung von Anfang an innewohnt - ein strukturelles Problem.

Und so stellt sich am Ende die entscheidende Frage: Ob das Medium Film, ja Kino überhaupt das richtige für ein Kunst-Stück wie dieses ist. Wieso einen Film aus diesem Text machen? Worin besteht die Innovation? Im Kino, gerade auch im deutschen, neue Wege zu gehen, mag löblich sein. Und doch: 90 Minuten trägt dieser zermürbende Monolog eben nicht." (Heidi Reutter, br-online.de)

"Es ist immer wieder das Diktiergerät, das die Kamera einfängt. Das Diktiergerät eines Journalisten, der sich zur Selbstbefragung gezwungen sieht. Und die Fotografien von Hannah Arendt und Einstein, oder die vielen alten Bilder der Onkel und Tanten, von denen nicht wenige in Theresienstadt oder Auschwitz umgekommen sind. Sonst bietet die Requisite nicht viel. Das Innere einer weitläufigen Wohnung, ausgestattet mit Bücherregalen, Designer-Möbeln und dem Arbeitsplatz eines Zeitgenossen, der mit Schreiben sein Auskommen verdient. Ben Becker spielt den Journalisten Emanuel Goldfarb, der von einem Geschichtslehrer schriftlich gebeten wird, vor einer Schulklasse am Hamburger Kurt-Tucholsky-Gymnasium über sich und sein Leben in Deutschland zu sprechen. Der Grund für die Einladung ist weder sein Beruf noch der Umstand, dass er 1959 in Deutschland geboren wurde und in Hamburg lebt. Es ist seine jüdische Herkunft und überdies die Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde.

Goldfarb fühlt sich in der Sonderrolle des exotischen Anschauungsobjekts deplatziert, er "habe kein Talent, öffentlich Ich zu sein", außerdem gäbe es ohne den Schulterschluss zwischen Antisemiten und Philosemiten die Juden nicht mehr, die sie ständig an ihr Anderssein erinnern. Den zwar gut gemeinten, aber übertrieben rücksichtsvollen Ton der Einladung empfindet er als Provokation eines typischen Gutmenschen mit 68er-Sozialisation, der sich selbst beweisen will, dass er keine Berührungsängste hat. "Ich möchte aber nicht erlitten werden, nicht gelitten und nicht geduldet. Die permanente Solidarität geht mir auf die Nerven. Ich weiß ja, dass es gut tut, ein guter Mensch zu sein, aber zieht mich da nicht rein! Ich will die Sonderrolle nicht haben. Nicht im Schlechten und nicht im Guten. Ein ganz gewöhnlicher Mensch möchte ich sein. Ein ganz gewöhnlicher Jude." Aus anklagenden Wortkaskaden solcher Art besteht im weiteren Verlauf der ganze Film, der in seiner Machart an vorangegangene Solostücke wie «Mein letzter Film» (fd 35 702) mit Hannelore Elsner oder «Der Totmacher» (fd 31 645) mit Götz George erinnert. Von Oliver Hirschbiegel, der in seinem Kassenerfolg «Der Untergang» (fd 36 679) keinen noch so manierierten Bombast scheute, hätte man so viel Sinn für die Vorzüge inszenatorischer, an das Theater angelehnter Reduktion nicht gerade erwartet.

Goldfarb entschließt sich in seiner Wut und Verbitterung zum Gegenangriff und begegnet der Aufforderung zur Rechtfertigung seiner Existenz in Deutschland mit der Verfassung einer Absage, die zur Bilanz seines Lebens mutiert. Aufgewühlt diktiert er sich selbst all dies, was er den Schülern nicht zu erklären vermag, arbeitet das Verbindende der gemeinsamen Geschichte und die vielen Brüche heraus. Er erzählt von der fast kindlichen Anhänglichkeit seiner Eltern zu Deutschland, die sie sich trotz Emigration und Deportation in Konzentrationslager erhalten haben. Von ihrem schwierigen Neuanfang zwischen Verfolgungswahn und Selbsthass, dem Druck alles richtig zu machen, um endlich angenommen zu werden. Seinen eigenen vergeblichen Versuchen, die jüdische Identität abzulegen und der Unmöglichkeit einer Ehe mit einer Nichtjüdin, die an Meinungsverschiedenheiten über die Beschneidung des Sohns scheiterte. Seine zeitweilige trotzige Flucht in die Orthodoxie kommentiert Goldfarb rückblickend lakonisch: "Bloß weil man vorwärts keinen Weg sieht, kommt man rückwärts auch nicht weiter." So erbarmungslos er sein notorisch gespaltenes, zwischen Selbstzweifeln und kämpferischer Anmaßung kriselndes Bewusstsein seziert, so beißend ist auch sein Blick auf die Verlogenheit der Außenwelt. Mit großer Lust an sarkastischer Überzeichnung wettert er gegen die spät entdeckte deutsche Judenfreundschaft ebenso wie gegen die Aneignung von Klezmer-Musik durch "Weltverbesserungsmusikanten", die ihn selbstgerecht über die Menschenrechtsverletzungen in seiner "eigentlichen" Heimat Israel belehren wollen.

Die Vorlage für Ben Beckers furios vorgetragenen Monolog lieferte das gleichnamige Buch des Schweizers Charles Lewinsky, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Ohne dessen ins Mark gehende, geradlinige und zugleich komplexe Reflexionsschübe hätte das von Hirschbiegel gewählte statische Konzept eines Ein-Personen-Kammerspiels leicht ins Leere laufen können: Bis auf eine kurze Exposition und einen fast anrührend komischen Schluss inmitten einer ratlosen Schülerschar fehlt der im Kino übliche Erzählungsbogen gänzlich. Tag und Nacht, unterbrochen von Straßengeräuschen, schaut man Goldfarb über 90 Minuten gleichermaßen erstaunt wie fasziniert beim Sortieren seiner ketzerischen Gedanken, An- und Einsichten zur Lage des deutschjüdischen Verhältnisses zu, beobachtet ihn, wie er unruhig durch die unterkühlt eingerichtete Wohnung schreitet, hastig ein Glas Wein hinunterschüttet oder einen Espresso aufsetzt. Wohl kein Aspekt seiner Hass-Liebe zu Deutschland bleibt unerwähnt: von der Walser-Debatte bis hin zur aktuellen Situation in Israel, für die sich Goldfarb als deutscher Staatsbürger nicht zuständig fühlt. Zerrissen bleibt der Held dieses atemlosen Lamento bis zum letzten Satz, eine Normalität, die er sich im Innersten sehnsüchtig wünscht, gibt es für ihn nicht. Und doch scheint er einen Ballast abgeworfen zu haben, als er zum Schluss das fertige Manuskript seiner brisanten Abrechnung in den Händen hält. Sie zu verdauen, bleibt dem Zuschauer und vor allem dem aufmerksamen Zuhörer überlassen." (film-dienst, Alexandra Wach)


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