Bonn Filmfestival 2014 - KinoTV


Text?Africa Before Dark Regie: Walt Disney,USA - 1928
Produktion: Winkler Productions - Regisseur: Walt Disney - Kamera: Mike Marcus -

Inhaltsangabe
Oswald, the Lucky Rabbit (Oswald, der verrückte Hase) war der titelgebende Star von Walt Disneys erster reiner Zeichentrickfilmserie, der bereits Ähnlichkeiten mit der kurze Zeit später entwickelten Mickey Mouse aufweist. AFRICA BEFORE DARK zeigt Oswald auf der Jagd in einem surrealen Dschungel: Die Tiere können sich ständig verformen, multiplizieren, einzelne Körperteile abnehmen und wieder zusammensetzen. Alle Gesetze der Schwerkraft und Physik sind aufgehoben. [www.internationale-stummfilmtage.de]
Anmerkungen
«Disney war es wichtig, Anerkennung im Zeichentrickfilmbusiness zu erlangen, und dies gelang ihm auch. Dick Huemer erzählt: „Seine OSWALD-Cartoons besaßen ein Plus, das unseren Werken, die in New York entstanden, fehlte.“ Viele der visuellen Innovationen gingen auf das Konto von Ub Iwerks, andere waren spontane Ideen der anderen Zeichner, zu denen sich 1927 Isadore „Friz“ Freleng gesellte. Walt war schon Chief Story Man, eine Position, die er für viele Jahre beanspruchen sollte. Die OSWALD-Cartoons hatten keine durchgearbeiteten Geschichten, es gab weder Drehbücher noch Storyboards. Die Grundideen und die einzelnen Gags wurden in einem Treffen entwickelt, das Walt leitete und in dem jeder Vorschläge einbringen konnte. Walt ordnete die Ideen und teilte den Film unter seinen vier Zeichnern auf. Jeder von ihnen war frei, beim Arbeiten weitere komische Ideen hinzuzufügen, solange Walt keinen Einspruch erhob.» [Leonard Maltin: Of Mice and Magic. New York 1980]

Text?Battling butler (Der Killer von Alabama, Der Boxer, Buster Keaton, der Killer von Alabama), Regie: Buster Keaton,USA - 1926
Regisseur: Buster Keaton - Drehbuch: Al Boasberg - Buster Keaton - Lex Neal - Charles B. Smith - Paul Gerard Smith - Kamera: Devereaux Jennings - Bert Haines - Darsteller: Tom Wilson - Francis McDonald - Sally O'Neil - Buster Keaton - Snitz Edwards - Walter James -

Kritiken
"Ich bin der Grösste!" sagte sich schon 1926 Buster Keaton und bewährte sich als Playboy und Jäger, als Campingfreund und Freischwimmer, als Hochzeiter und als unfreiwilliger Box-Champion: um sein Mädchen zu gewinnen gibt sich Buster hier als grosser Boxer aus, obwohl er nur ein verwöhnter Schwächling ist. Am Ende steht er als Sieger im Ring...
Der Film entstand zu einer Zeit, da Keatons überlegenes Können jährlich in zwei neuen Filmen dokumentiert wurde. Der "Mann, der niemals lachte" hat seinen eigenen Tod (1965) überlebt, und die Filme in ihrer ursprünglichen Fassung vermögen durch ihren überlegenen und überlegten Witz auch heute noch jedes Publikum zu begeistern." (lhg)

«Diese Buster-Keaton-Groteske ist ein Mosaik von Einfällen, ein buntes Durcheinander komischer Figuren, ein Zirkus von Situationen. Es kommt wirklich nicht auf die Logik an, sondern nur auf das Lachen. Und dieses Lachen, das oft ein behagliches Schmunzeln ist, wenn Buster Keaton Anregungspulver schluckt und blutarm und bleichsüchtig in einer Diwan – decke sitzt. Und man wundert sich gar nicht, wenn er in die Urwälder zur Ertüchtigung fährt, von einem wunderbar alten und wunderbar vornehmen Diener begleitet, der im dicksten Wald ein herrliches Zelthotel mit allem Luxus der Neuzeit errichtet. Dahin verirrt sich nun das Töchterchen eines Farmers, gesund, frisch und lustig und natürlich lieben sich beide. Wie nun Buster Keaton die Rolle eines Boxers spielen muss, wie er zwar nicht in den Ring, aber trainieren, und schließlich mit dem wirklichen Boxer in eine wüste Rauferei kommt, das sieht man sich besser an, als dass man es sich erzählen lässt.» [Lichtbildbühne, 12.3.1927]
Anmerkungen
«Buster Keaton als verwöhnter Millionär macht einen Ausflug aufs Land, um dort zu jagen und zu fischen, ohne auf seinen gewohnten Luxus inklusive Butler zu verzichten. Als er sich in die sportliche Tochter eines boxbegeisterten Farmers verliebt, lässt er sich von seinem Butler als amtierender Boxweltmeister ausgeben. Ein verkanntes Meisterwerk von Buster Keaton, das in Deutschland unter starken Kürzungen litt und nun erstmals wieder in seiner Originalfassung zu sehen ist.» [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?Den Starkaste (Der Stärkste), Regie: Alf Sjöberg,Schweden - 1929
Produktion: Svensk Filmindustri AB - Regisseur: Alf Sjöberg - Axel Lindblom - Drehbuch: Alf Sjöberg - Axel Lindblom - Kamera: Åke Dahlqvist - Axel Lindblom - Architekt: Vilhelm Bryde - Darsteller: Anders Henrikson Ole - Maria Röhr Ingeborg's Grossmutter - Hjalmar Peters Skipper Larsen - Kare Pedersen - Bengt Djurberg Gustaf - Gösta Gustafson - Gunn Holmqvist Ingeborg - Sivert Braekemo -

Inhaltsangabe
Zwei Männer fahren auf Schiffen in die Arktis und konkurrieren nicht nur bei der Jagd auf Robben und Eisbären, sondern auch im Werben um die Gunst der Tochter des Besitzers eines der Schiffe. Der wenig bekannte Debütfilm von Alf Sjöberg, der zusammen mit Kameramann Axel Lindblom Regie führte und in den 1950er Jahren mit seinen Filmen Weltruhm erlangte, besticht durch eindrucksvolle authentische Aufnahmen von der Jagd im Boot und auf Eisschollen. [www.internationale-stummfilmtage.de]
Kritiken
«Ein Spielfilm über die drei Hauptpersonen, in dem die dokumentarisch verstandene und wiedergegebene Umgebung gleichzeitig dramatisch mitspielt. Sie weist die Richtung und ist ein wesentlicher Bestandteil in der dramaturgischen Struktur des Films. Axel Lindblom war ein außerordentlich begabter Kameramann mit einem Blick sowohl für die realistische als auch für die „exotische“ Umwelt, den er in der Mitte und am Ende der 20er Jahre mehrfach beweisen durfte. Alf Sjöberg war auch schon zu diesem Zeitpunkt vom Bild und den Möglichkeiten des Bildes zu suggestivem Ausdruck „besessen“ – es hieß, dass er vom Expressionismus des neuen russischen Films und von Eisensteins und Pudowkins Montagetheorien beeinflusst war. Im Hinblick auf mehrere seiner Theaterinszenierungen während der 30er Jahre und seine spätere Filmarbeit ist dies nicht unwahrscheinlich.» [Gösta Werner: Die Geschichte des schwedischen Films. Frankfurt am Main, 1988]

Text?Der Student von Prag Regie: Hanns Heinz Ewers,Deutschland - 1913
Produktion: Deutsche Bioscop GmbH., Berlin - Regisseur: Hanns Heinz Ewers - Stellan Rye - Drehbuch: Hanns Heinz Ewers - Henrik Galeen --??-- - Paul Wegener - Nach einer Vorlage von: Adalbert von Chamisso - Kamera: Guido Seeber - Musik: Josef Weiss - Architekt: Robert A. Dietrich - Kurt Richter - Darsteller: Lyda Salmonova Lyduschka - Lothar Körner Graf von Schwarzenberg - Paul Wegener Balduin, ein Student - John Gottowt Scalpinelli - Fritz Weidemann Baron Waldis-Schwarzenberg - Grete Berger Comtesse Margit von Schwarzenberg -

Inhaltsangabe
Der Student Balduin verkauft an einen geheimnisvollen Sonderling namens Scapinelli sein Spiegelbild, um zu Geld zu kommen und sich der schönen Comtesse Margit zu nähern. Durch seinen so erworbenen Reichtum in die Gesellschaft aufgestiegen, hat er auch bald Erfolg. Die Liebe des einfachen Zigeunermädchens Lyduschka verschmäht er. Ein gespenstischer Doppelgänger verfolgt ihn jedoch und durchkreuzt seine Pläne. Es kommt zu einem Duell mit Margits eifersüchtigem Verlobten: entgegen seinem Versprechen, ihn, den einzigen Sohn einer adligen Familie, zu schonen, findet der Student, der such zum Duell verspätet - seinen Widersacher schon getötet: sein Spiegelbild, das verselbständigte andere Ich des Studenten, hatte ihn so entehrt. Der Verstörte wird nun überall von diesem höllischen Abbild verfolgt, bis er schliesslich verzweifelt auf seinen Doppelgänger, den hartnäckigen Verderber seines Glücks, schiesst und so - sich selber tötet. Scapinelli kann triumphieren. (Filmblätter Nr. 19, Staatliches Filminstitut der DDR, Berlin o.J.)
Kritiken
«(...) Mit 'Der Student von Prag' tauchte zum erstenmal ein Thema auf, von dem der deutsche Film in der Filge nicht wieder loskam: das angelegentliche und angstvolle Fahnden nach den Grundlagen des Ich. In der Loslösung Baldwins von seinem Spiegelbild und der Gegenüberstellung der beiden versinnbildlichte Wegeners Film eine besondere Spielart der Persönlichkeitsspaltung. Sein Held, statt sich seiner Zwiespältigkeit unbewusst zu bleiben, erkennt in panischem Schrecken, dass der Gegenspieler, dem er sich ausgeliefert hat, kein anderer ist als er selbst (...)» [Siegfried Kracauer, Von Caligari bis Hitler]

«So wenig man aber eine fremde Sprache beherrscht, wenn man noch in der Muttersprache denkt und dann erst in die fremde Sprache übersetzt, so wenig kann man in der Filmkunst auf den Höhen wandeln, solange man noch überträgt und nicht versteht, ganz abstrakt filmmässig zu denken, zu empfinden und zu gestalten. Die Schöpfung, an der Ewers die „grosse Kunst“ zeigen wollte, DER STUDENT VON PRAG, erfüllt meines Erachtens zum ersten Male die Forderung, ganz abseits vom Roman- und Bühnenhaften völlig im Filmhaften geboren zu sein, und es verbindet damit den Vorzug, gleichzeitig die speziellen Möglichkeiten des Filmdramas auszuschöpfen. Im STUDENTEN VON PRAG, der etwa in die Zeit von 1820 zu verlegen ist, lässt Ewers Balduin, den besten Fechter und flottesten Studenten von Prag, dem Abenteurer Scapinelli unbewusst sein Spiegelbild verkaufen, und in grausiger Tragik nimmt nun die weitere Handlung ihren Lauf.» [Horst Emscher: „Grosse Kunst“ im Film, in: Zeit im Bild, 1913}

""Der Student von Prag" wird in den Filmgeschichten meist als der erste deutsche "künstlerische Film" bezeichnet. Das Werk wurde als Gemeinschaftsarbeit unter der Oberleitung des von den Möglichkeiten des Films begeisterten grossen Schauspielers Paul Wegener realisiert, der auch die Titelrolle darstellte. Regie führte der Däne Stellan Rye; Kameramann war der sehr begabte Guido Seeber; das Scenario hatte Hanns Heinz Ewers geschrieben. Der Film war 1913 grossenteils im alten Prag aufgenommen und wurde, was damals neu war, mit einer eigens für ihn komponierten Begleitmusik von Josef Weiss vorgeführt.

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Nach Bassermann und Reicher stellte sich uns gestern abend nun auch Paul Wegener im Film vor. In den Mozart-Lichspielen [Lichtspielen] am Nollendorfplatz. Es war eine richtiggehende Premiere mit allem Drum und Dran einer solchen, mit Anfahrt und Abendanzug, mit Hervorrufen (denen nicht Folge geleistet wurde) und Beifallsklatschen und jener eigentümlichen nervösen Stimmung, die aus den Erstaufführungen des Lessing- [Lessing-Theaters] und des Deutschen Theaters zur Genüge bekannt ist. Es wurde auch ein richtiggehender, etwas altmodisch frisierter Theaterzettel verteilt. Aus ihm konnte man ersehen, dass "Der Student von Prag" ein phantastisches Drama in vier Akten von Hanns Heinz Ewers ist, in Szene gesetzt vom Verfasser, Musik von Prof. Josef Weiss: dass im Hradschin und im Schloss Belvedere in Prag, in den Palais Fürstenberg und Lobkowitz die Aufnahmen gemacht und die Dekorationen nach Entwürfen des Kunstmalers Klaus Richter angefertigt worden sind

Nun - das ist alles mögliche. Manch berühmter Dichter unserer Tage wäre glücklich, auf der Bühne so sorgfältig, mit so hingebender Liebe behandelt zu werden, seine Gestalten von Schauspielern wie Wegener, Grete Berger und John Gottowt belebt zu sehen. Ein neuer Atem weht - jetzt ist das Kino up to date.

Ewers ist ja bekannt. Wegener auch. Die übrigen auch. Alles Künstler, die Achtung und Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen. Schon deshalb hat der neue Film etwas mit Kunst zu tun. Ich buche aber mit Vergnügen, dass er auch sonst mit Kunst zu tun hat. Denn er ist ein Dichterwerk, das mit heissem Bemühen versucht, die Schwäche des Films zu überwinden, seine Härten zu mildern, die widerlichen Notbrücken alberner Erklärungen durch eine verständliche Handlung zu ersetzen. Und dann erkennt man - im Gegensatz zu dem hier neulich an gleicher Stelle besprochenen Reicher-Fiasko - in Wegener auch im Film den ganzen Paul Wegner [Wegener] des Deutschen Theaters

Dieser "Student von Prag" ist natürlich ein dramatisierter Albdruck und sehr literarisch. Sehr literarisch. Seine erlauchten Gevatter sind Goethe, Chamisso, Amadeus Hoffmann und Oscar Wilde. Goethe hat seinen Mephisto (o welche Glanzrolle für Paul Wegener!), Chamisso seinen Schlehmil, Hoffmann seinen Doktor Mirakel, Wilde seinen Dorian Gray hergeben müssen. Ihr Blut durchpulste sehr geschmackvoll und sehr gespenstisch die Adern dieses phantasischen Dramas. Schliesslich hat man dann auch das Ganze in die unsterbliche Schönheit des toten Prag gehüllt. Das Kostüm der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bringt die verklärt-altmodische Note hinein, und selbst die grosse Erinnerung an Madame Récamier wird rege.

Dies alles ist mit erlesener Kunst malerisch zu einem spannenden Drama gruppiert. Es gibt da Blicke in das alte Prag, die zauberisch sind: es gibt da Bilder, wo die Augen sich vor Grauen weiten: wie der geheimnisvolle Dr. Seapinelli für seine 100 000 Goldgulden das Spiegelbisd des Studenten Balduin aus dem Spiegel löst; wie dies Spiegelbild den Unglückseligen nun auf Schritt und Tritt verfolgt und mit mephistophelischer Grimasse sein glanzvolles Unglück begrinst; wie Balduin und die Geliebte sich auf dem abgelegenen Judenfriedhof treffen, und wie schliesslich der bis zum Wahnsinn Getriebene seinen unheimlichen Doppelgänger erschiesst, sich aber selbst trifft und tot zu Boden stürzt

Die Kerzen flackern auf dem Tisch, und der Dr. Seapinelli [Scapinelli] zerreisst über dem Toten den Schuldschein. Das Entsetzen geht um ...

Die Leitung der Mozart-Lichtspiele hielt es für angebracht, den Eindruck des Films, den die Musik, von Josef Weiss schmiegsam noch verstärkte, durch eine Kinderei des berühmten Max Linder zu zerstören. Wenn schon ein Film so hohe künstlerische Qualität hat, so sollte man diese doch auch respektieren. Aber man war wohl doch nur in einem Kientopp." (Ludwig Sternaux, Tägliche Rundschau, 23. August 1913)
Anmerkungen
«Ich schrieb ein Stück für den Rollfilm: 'Der Student von Prag' heisst es. Ich schrieb es für Paul Wegener, und mit ihm arbeitete ich lange Monate daran, in Prag und hier in Berlin. Es soll ein Prüfstein sein, es soll mir beweisen, dass der Rollfilm - so gut wie die Bühne, grosse und gute Kunst bergen kann." (Hanns Heinz Ewers, Der Film und ich)

"Der Student von Prag" schrieb 1913 als einer der ersten deutschen Künstler-Filme Filmgeschichte, zu dessen Premiere eine eigene Filmmusik komponiert wurde. Der Film wurde in viele Länder exportiert und begründet den Weltruf des deutschen Stummfilms. "Der Student von Prag" zeigt die Affinität des Stummfilmkinos zu Geschichten der schwarzen Romantik: Der Student Balduin verkauft sein Spiegelbild an den geheimnisvollen Wucherer Scapinelli und wird zum Schluss selbst Opfer des makabren Handels.

Der Film entstand unter der Regie von Hanns Heinz Ewers (1871-1943), assistiert von dem dänischen Regisseur Stellan Rye (1880-1914). Aufgeboten wurde die Elite der deutschen Schauspieler vom Deutschen Theater Berlin: Paul Wegener in der Titelrolle des Studenten Balduin, seine damalige Frau Lyda Salmonova (Lyduschka) und Grete Berger (Comtesse Margit von Schwarzenberg), sowie John Gottowt in der Rolle des mysteriösen Scapinelli. Die Dreharbeiten fanden in Berlin und Prag statt.

Die Motivation zu diesem Filmprojekt war eine programmatische. Der vielseitig talentierte Hanns Heinz Ewers, zu seiner Zeit sehr populär als Autor fantastischer Geschichten zwischen Traum und Wahnsinn, hatte sich schon länger für die Ausdrucksmöglichkeiten des jungen Mediums Film interessiert. Er entdeckte in dieser Zeit das Kino als Ort irisierender Trugbilder, in denen sich das Unbewusste und Abgründige verfängt: "Wenn es wahr ist, dass das Auge, dass die leise Geste der Hand dasselbe - und manchmal mehr - sagen kann, als das schönste Dichterwort, dann ist die Möglichkeit da, auch ohne Worte die Seele sprechen zu lassen."

Die Berliner Produktionsfirma Bioscop bot ihm an, sein eigenes Skript zu verfilmen, und so entstand eine perfekte Mischung aus Grusel-Kino, künstlerisch ambitionierter Regie und technischer Avanciertheit dank der Kamera-Arbeit von Guido Seeber. Gekrönt wurde das ganze Unternehmen dadurch, dass die Bioscop den prominenten Pianisten Josef Weiss mit einer Filmmusik beauftragte, die als Klavierauszug mit vielen Synchronangaben gedruckt wurde. So war es theoretisch möglich, den Film überall mit seiner Originalmusik aufzuführen, wenn nicht der Komponist selbst zur Verfügung stand, wie Kritiken aus Berlin, Breslau, Stuttgart und Düsseldorf belegen.

Der 1913 entstandene Film markiert den Übergang vom einfachen Kintopp mit seinen auf Schauwerte und Unterhaltung getrimmten Sensationen zum literarischen Kino. Das Modell für diese bildungsbürgerliche Veredelung lieferte der französische "film d'art", der schon vor 1910 durch die Mitwirkung prominenter Schauspieler und die Adaption bekannter Bühnen- oder Erzählstoffe neue Publikumskreise zu erschliessen versuchte. So auch bei "Der Student von Prag": Hier ist es der Rückgriff auf Figuren der Romantik und das Motiv des verkauften/verlorenen Schattens und Spiegelbilds, wie in Chamissos "Peter Schlemihl", E.T.A. Hoffmanns "Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde", Edgar Allan Poes "William Wilson" und Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray". Die beiden Autoren von "Der Student von Prag", Hanns Heinz Ewers und Paul Wegener waren Protagonisten der deutschen Autorenfilm-Bewegung der 1910er Jahre. Paul Wegener kam vom Deutschen Theater, "Der Student von Prag" steht am Beginn seiner Filmlaufbahn als Schauspieler, Regisseur und Autor zahlreicher Filmprojekte. Mit der Erfindung des Films und seinen optischen Tricks war es zum ersten Mal möglich, fantastische Sujets zu visualisieren; Guido Seeber zählte zu den führenden Kameramänner der Stummfilmzeit. Ihm sind die elf elaborierten Doppelgängeraufnahmen zu verdanken, die mit Mehrfachbelichtungen erzielt wurden. "Menschen schrien im Parkett auf", so ein zeitgenössischer Filmkritiker, "und wagten nicht, auf die Leinwand zu sehen, da sie dort zweimal leibhaftig dieselbe Gestalt sahen. Unmögliches war in diesem Film fotografische Wirklichkeit geworden."

Zur Restaurierung Die Originalfassung des 1913 entstandenen Films ist nicht überliefert; erhalten sind aber eine umgeschnittene Wiederaufführungsfassung von 1926 (im Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin) sowie gekürzte englischsprachige Exportkopien (in Japan, den USA und bei privaten Sammlern). Eine erste Rekonstruktion der Urfassung fand im Jahr 1987 unter der Leitung von Dr. Wilfried Kugel statt, der auch bei dieser Restaurierung mitwirkte in Zusammenarbeit mit Stefan Drössler. Die neue digitale Rekonstruktion des Filmmuseums München stützt sich auf das Exposé von Hanns Heinz Ewers, die originale Klavierpartitur von Josef Weiss und zeitgenössische Rezensionen. Filmmaterial steuerten das Bundesarchiv, das National Film Center Tokyo, die Library of Congress, das Niles Essanay Silent Film Museum, Cohen Film Collections und private Sammler bei. Die deutschen Zwischentitel sind nach historischen Vorlagen neu gesetzt worden. Zur Zensurlänge von 1913 fehlen immer noch knapp 50 Meter (Zwei Minuten).

Zur Musik Zu diesem Film schrieb der Liszt-Schüler Josef Weiss eine Originalmusik, die sich als Klavierauszug erhalten hat und die zu den ersten Originalmusiken der Filmgeschichte gehört. Die Musik überrascht durch ihren ausgeprägten gestischen Charakter, mit dem sie viele Bewegungen der Protagonisten - äusserlich sichtbare wie auch mentale - begleitet, antizipiert und fortführt. Josef Weiss verarbeitet Motive unterschiedlicher musikalischer Provenienzen. Der Polonaise als Musik der Aristokratie setzt er Zitate volkstümlicher Musik (Mazurken, Ländler, Volkslieder) entgegen und charakterisiert damit auch die Spannung von Balduins Geschichte, der vom armen Studenten zum heimlichen Geliebten der Comtesse avanciert. Der in Düsseldorf und in Berlin überlieferte Klavierauszug von Josef Weiss wurde im Auftrag von ZDF/ARTE von dem Mainzer Komponisten Bernd Thewes auf die restaurierte Filmfassung hin eingerichtet und für Kammerensemble neu instrumentiert. Entstanden ist dabei ein hoch spannendes Werk mit manchen Referenzen zu Franz Schreker und Alban Berg. Eingespielt wird die Musik vom Orchester Jakobsplatz München unter der Leitung von Daniel Grossmann, die Aufzeichnung erfolgte bei der Premiere der rekonstruierten Filmfassung im Rahmen der Berliner Filmfestspiele 2013 in der Volksbühne. (arte Presse)

Text?Die Entdeckung Wiens am Nordpol Regie: Peter Eng,Österreich - 1923
Regisseur: Peter Eng -

Inhaltsangabe
Ein skurriler Zeichentrickfilm aus Österreich, der für die Wiener Messe wirbt. Ein Wanderkino bewegt „Eskimos“ dazu, nach Wien zu reisen und sich mit Einkäufen einzudecken, denn – so erklärt ein Zwischentitel – „selbst der läppischste Lappe reist zur Wiener Messe“. Verblüffend ist die Vorstellung vom Nordpol, wie der Film ihn darstellt: Wir sehen das Ende einer aus der Erdoberfläche ragenden Achse, die die „Eskimos“ einfetten müssen, damit sich die Erde besser drehen kann. [www.internationale-stummfilmtage.de]
Anmerkungen
«Im Kino wurden die kurzen Trickfilme neben den Realfilmen gezeigt, sie sollten „eine Seite Witzblatt für das Kino“ darstellen, und Eng führt aus: „Da sich hier alles bewegt, wie schon der Name ‚moving pictur[e]‘ sagt, ein bewegliches Witzblatt“; er verschweigt, dass auch viele dieser Filme im Dienst der Werbung standen – von Eng sind nur Werbefilme bekannt.
Als Werbemittel und damit Gebrauchsartikel fanden nur wenige Filme den Weg in (Film-)Archive. DIE ENTDECKUNG WIENS AM NORDPOL enthält einige Szenen Realfilm; in einer davon steigt die Hauptfigur, ein Lappe, der die Wiener Internationale Messe besucht, aus einem Eisenbahnwaggon und verlässt den Bahnhof gemeinsam mit anderen PassantInnen. Eine dieser Personen ist, so behaupte ich, Peter Eng selbst.» [Ursula A. Schneider, in: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, Nr. 30/2011]

Text?Flaming Fathers (Aufregung am Strand), Regie: Leo McCarey,USA - 1927
Produktion: Hal Roach Studios Inc, - Produzent: Hal Roach - Regisseur: Leo McCarey - Drehbuch: Hal Roach - Stan Laurel - Darsteller: Max Davidson - Martha Sleeper - Lilian Leighton - Eddie Clayton - Tiny Sandford -

Inhaltsangabe
Bei einem Sonntagsausflug an den Strand versucht ein Familienvater zu verhindern, dass sich seine Tochter und ihr Liebhaber zu nahe kommen. Doch mit seinem Verhalten zieht er den Ärger anderer Strandbesucher auf sich und erregt die Aufmerksamkeit der Polizei. FLAMING FATHERS ist eine der schönsten Komödien mit Max Davidson, die die Probleme jüdischer Immigranten in den USA thematisieren, deren Kinder sich den traditionellen Zwängen nicht unterwerfen sollen. [www.internationale-stummfilmtage.de]
Anmerkungen
«FLAMING FATHERS war die letzte Max-Davidson-Comedy, die Hal Roach für Pathé produzierte. Die Drehrbeiten begannen am 5. Mai 1927 am Strand von Venice in Los Angeles. Moving Picture World schrieb in einer Rezension, die typisch ist für die vielen überschw.nglichen Kritiken, die die Max-Davidson-Serie erhielt: „Kurz gesagt: Max Davidson spielt mit, und das bedeutet eine Veredelung eines jeden Kurzfilms. In diesem Film macht Max die aufregende und unglückliche Erfahrung, was es bedeutet, seine Tochter zu beaufsichtigen, die mit ihrem Freund an den Strand fährt. Er wird zur Attraktion für eine Gruppe von Kindern, die sich an seinen Grimassen erfreuen, und alles, was die Gagmen aus dieser Idee entwickeln, ist ein Riesenspass. Jede Episode ist darauf angelegt, das Gelächter zu steigern und für Kurzweil zu sorgen.“» [Richard W. Bann: Max Davidson. Edition Filmmuseum, München 2011]

Text?For Heaven’s Sake Regie: Sam Taylor,USA - 1926
Produktion: Harold Lloyd Corporation - Regisseur: Sam Taylor - Drehbuch: John W. Grey - Ted Wilde - Clyde Bruckman - Kamera: Walter Lundin - Darsteller: Blanche Payson - Paul Weigel - Noah Young - Jobyna Ralston - Harold Lloyd - Jim Mason -

Kritiken
«Er ist eine zweibeinige Absurdität, ein Komiker, bei dem die Keulenschläge des Witzes, wie der göttliche Mark Twain sie liebte, optisch geworden sind. Harold Lloyd ist die beste Ausspannung für den tired business man. Der Regisseur Sam Taylor hat nichts mehr zu tun gehabt als die Tricks zu arrangieren und die den ehrenwerten und einfallsreichen gagmen entsprungenen Witze ins Filmische zu übertragen. Er löst seine Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit. Die Mitspieler sind im wesentlichen dazu da, um Harold als Staffage zu dienen. Sie sind die lebenden Requisiten mit denen er agiert. Aus Situationen, Bild-Assoziationen und menschlichen Requisiten entwickelt sich dann die Schlussapotheose der Autobusfahrt: Fünf sternhagelbetrunkene Ganoven fahren als Freunde Harolds mit zur Trauung. Bei diesen Arabesken um ein heiteres Schlussziel ist kein Halten mehr. Wer bis dahin gelacht hat, schüttelt sich jetzt. Wer nie gelernt hat zu lachen, lernt es hier.» [Hans Feld, in: Film-Kurier, 25.11.1927]
Anmerkungen
«In einer seiner komischsten Komödien spielt Harold Lloyd einen Millionär, der durch ein Missverständnis in einem Armenviertel die Errichtung einer Mission für Hilfsbedürftige finanziert und alles daransetzt, die Tochter des Missionars für sich zu gewinnen. Furiose Verfolgungsszenen, visuelle Gags und eine waghalsige Fahrt auf dem offenen Oberdeck eines führerlosen Autobusses gehören zu den vielen Highlights des Films, der einer der größten Box-Office-Hits des Jahres 1926 war.» [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?Homunculus (Homunculus - 1. Teil), Regie: Otto Rippert,Deutschland - 1916
Produktion: Deutsche Bioscop GmbH., Berlin - Produzent: Hanns Lippmann - Regisseur: Otto Rippert - Drehbuch: Alwin Neuss - Robert Reinert - Story : Robert Reinert - Kamera: Carl Hoffmann - Architekt: Robert A. Dietrich - Darsteller: Heinz Wiese (--??--) - Erna Thiele (--??--) - Max Ruhbeck Generalprokurator Steffens - Lore Rückert Tochter Margarete Hansen - Albert Paul Dr. Hansen - Ernst Ludwig Prof. Ortmann - Josef Bunzl - Lya Borré Tochter des Generalprokurator Steffens - Aud Egede-Nissen (--??--) - Alwin Neuss (--??--) - Friedrich Kühne Famulus Edgar Rodin - Olaf Fønss Richard Ortmann - Homunculus - Maria Carmi (--??--) - Fern Andra (--??--) -

Inhaltsangabe
Schon lange träumen Wissenschaftler davon, einen "künstlichen Menschen" zu erschaffen - so auch Professor Ortman, dem der Erfolg jedoch stets versagt blieb. Aus diesem Grund ist er von Neid erfüllt, als es ausgerechnet seinem Schüler Dr. Hansen gelingt, den "Homunculus" zu erschaffen. Doch als der Homunculus 25 Jahre alt wird, beginnt er, der als Kunstwesen nicht zur Liebe fähig ist, Nachforschungen über seine Eltern anzustellen und entdeckt das Geheimnis seiner Entstehung. Er wird gepackt von Hass gegen seinen Erzeuger Dr. Hansen und dessen Tochter, die ihn liebt, wissend, dass er sie niemals lieben kann, obgleich er sich instinktiv sehnt nach diesem wohltuendem Gefühl. So aber treibt er die junge Frau in den Tod und leistet einen furchtbaren Racheschwur, in dem er der Menschheit ankündigt, Staunen und Schrecken über sie zu bringen - er, der ein Fremdkörper in der menschlichen Gesellschaft und zugleich ein Übermensch ist. (Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung)
Kritiken
«Dieses Werk steht am Tore einer neuen Zeit der Lichtspielkunst; ja, es ist vielleicht erst nur eine Brücke zur künstlerischen Vertiefung des Films, aber voll eines starken bestimmten Willens, und wo dieser Wille anklopft, öffnet sich gewiss ein Weg. Die kritischen Maßstäbe, die bisher an kinematographische Erzeugnisse gelegt wurden, Maßstäbe, die nach der technischen Elle gingen, zerbrechen; ernsthafte Erwägungen der Theaterkritik setzen selbsttätig ein. Die Homunculus-Tragödie ist dem Lichtspiel dienstbar gemacht, die Psychologie hat nach hundert fehlgeschlagenen Anläufen die Leinwand erobert. Unzulänglichkeiten der Schauspielbühne werden Ereignis, Wagnisse Selbstverständlichkeiten; das Bild bezwingt das Wort, Gedanklichkeit hat eine neue Formulierung in der Auswertung von Situationen, Episch-Lyrisches hat dramatischen Akzent gefunden.» [B.Z. am Mittag, August 1916]
Anmerkungen
Otto Ripperts Film wurde ursprünglich in sechs Folgen in die deutschen Kinos gebracht. Nach dem Krieg, 1920, wurde er erneut, diesmal in drei Folgen, in den deutschen Kinos herausgebracht. In der Folge galt HOMUNCULUS bis auf einzelne Szenen als verloren. [lhg]

«Die sechsteilige Serie HOMUNCULUS, in der ein künstlich geschaffener Mensch vergeblich Liebe sucht und dann voller Hass Zerstörung über die Welt bringt, gehört zu den großen Werken des deutschen Stummfilms, die als verloren gelten. In jahrelanger Arbeit hat das Filmmuseum München unter der Leitung von Stefan Drößler Filmfragmente, Dokumente und Fotos gesammelt und kann erstmals eine Rekonstruktion des Werks präsentieren, in dem Frankensteinmythos, Kriegsrealität und Vorformen des deutschen Filmexpressionismus zusammenfließen.» [www.internationale-stummfilme.de]

Text?Huoshan Qingxie (Das Blut der Liebe), Regie: Yu Sun,China - 1932
Produktion: Lianhua Film Company - Regisseur: Yu Sun - Drehbuch: Yu Sun - Kamera: Ke Zhou - Darsteller: Zheng Junli - Li-li Li - Tan Ying - Tan Tianxiu - Liu Jigun -

Kritiken
«Dieses Werk von Sun Yu, das gängige Praktiken auf dem chinesischen Land kritisiert, hat heftige Reaktionen von Seiten der Kritik hervorgerufen und eine große Kontroverse ausgelöst. Aber weit davon entfernt, belehrend und langweilig zu sein, ist der Film von einer Lebendigkeit, die sich deutlich von der schwerfälligen Statik abhebt, die damals noch in vielen Filmen weit verbreitet war.
Den Film zeichnen sehr schöne Kamerabewegungen und großartige Szenen aus, insbeson dere bei der Beschreibung des Lebens im Dorf und in der Hafenkneipe, in der alle Figuren bis hin zu den Statisten lebendig und originell sind. Sun Yu legte großen Wert auf Spontaneität und Natürlichkeit. Er bewunderte Schauspieler wie Lili Li, die keine der schlechten Gewohnheiten des zeitgenössischen chinesischen Theaterstils übernommen hatte.» [Marie-Clair Quiquemelle, Jean-Loup Passek: Le cinéma chinois. Paris 1985]
Anmerkungen
Der erste Teil des Films schildert das Leben einer chinesiachen Bauernfamilie, die sich dagegen wehrt, dass der Neffe des lokalen Machthabers die hübsche Tochter zu seiner Konkubine macht, und daran zugrunde geht. Jahre später auf einer indonesischen Insel findet der Sohn der Familie Gelegenheit, sich für das erlittene Unrecht zu rächen –auf einem gerade ausbrechenden Vulkan. Das Finale des elegant inszenierten Melodrams ist in die Filmgeschichte eingegangen. Regisseur Sun Yu arbeitet zum ersten Mal mi tseinem Star Li Lili zusammen, die als Tänzerin in einer Hafenbar dem Protagonisten den Kopf verdreht. Er setzt auch das erste Mal in einem chinesischen Film einen Kamerakran ein, der ihm ungewöhnliche Kamerabewegungen in den Szenen in der Hafenbar erlaubt. [filmmuseum münchen]

Text?J'accuse (Ich klage an), Regie: Abel Gance,Frankreich - 1919
Regisseur: Abel Gance - Drehbuch: Abel Gance - Blaise Cendrars - Kamera: Marc Bujard - Maurice Forster - Léonce-Henri Burel - Schnitt: Marguerite Beaugé - Darsteller: Angèle Decori Marie, the servant - Angèle Guys Angèle - Mme. Mancini Mother Diaz - Maxime Desjardins Maria Lazare - Marise Dauvray - Séverin-Mars François Laurin - Romualdo Joubé Jean Diaz - Nader the army cook -

Inhaltsangabe
So wie Emile Zola öffentlich für den jüdischen Offizier Dreyfus Partei ergriff und das Fehlurteil der Militärjustiz gegen ihn 1898 blossstellte, so ist auch dieser 1918 entstandene Film ein Fanal der öffentlichen Anklage. Die Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf im Süden Frankreichs kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Zwei Männer rivalisieren um die Liebe einer Frau: der Schriftsteller Jean Diaz und François Laurin, ein aggressiver Charakter. An seiner Seite die unglückliche Edith, die Jean Diaz liebt, aber von ihrem Vater zur Ehe mit François Laurin gedrängt wurde. Als der Krieg ausbricht und François eingezogen wird, schickt er seine Frau zu seinen Eltern nach Lothringen. Die beiden Männer treffen sich an der Front wieder, Jean Diaz als Offizier, François als einfacher Soldat. Ihre private Rivalität wird an der Front zum Problem für die Truppe. Nachdem Jean eine gefährliche Mission für François übernommen und damit dessen Leben gerettet hat, werden die beiden zu engen Freunden. Nach vier Jahren ist Jean krank und wird vorzeitig entlassen. Er kehrt ins Dorf zurück, als seine Mutter stirbt. Edith kommt in derselben Nacht zurück. Sie wurde Opfer einer Vergewaltigung durch deutsche Soldaten und hat nun ein dreijähriges Kind, Angèle. Wie soll sie deren Existenz François erklären, der auch von der Front kommt und Jean in Verdacht hat, Vater des Kindes zu sein? Als François die Wahrheit erfährt, bedroht er Angèle. Jean löst die Situation, indem er François anbietet, gemeinsam an die Front zurückzukehren und das Unrecht an Edith zu rächen. (arte Presse)
Kritiken
«Die Hauptschlacht ist impressionistisch: Zu Beginn wird nachdrücklich der schnelle Schnitt eingesetzt, wie er später in LA ROUE weiterentwickelt und dann in so vielen russischen Stummfilmen übernommen wurde, dass diese von Abel Gance eingeführte Neuerung als „Russische Montage“ bekannt wurde. Der Anfang prägte den Standard aller späteren Szenen eines Sturmangriffs: Der Offizier schaut auf seine Uhr… die Männer warten gespannt… Grossaufnahme der Uhr, als der Zeiger auf Null springt… die Männer klettern in Trauben aus dem Schützengraben nach vorn… Die Schlacht selbst ist chaotisch – ein totales Durcheinander, wie es die meisten Schlachten sind, aber filmisch ein höchst eindrucksvolles Durcheinander, mit wilden Fahraufnahmen, schnellen Schnitten, Qualm, verwischten Bildern, Explosionen…»
[Kevin Brownlow: Pioniere des Films: Vom Stummfilm bis Hollywood. Basel. Frankfurt am Main 1997]
Anmerkungen
J’ACCUSE erzählt eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg und ist nicht nur einer der technisch innovativsten und aufwändigsten filme seiner Zeit, sondern ist auch als eines der ersten pazifistischen Werke in die Filmgeschichte eingegangen. Abel Gance, der seinen Kriegsdienst abgeleistet hatte, filmte reale Kriegsszenen, die 1919 nachgestellt wurden. Der Film, der für Wiederaufführungen mehrfach gekürzt und umgeschnitten wurde, ist in einer sorgfältig rekonstruierten Form zu sehen. [www.internationale-stummfilmtage.de]

«"J'accuse - Ich klage an" von Abel Gance ist ein Klassiker des pazifistischen Films. Der zweiteilige Film entstand 1918 noch auf den Schlachtfeldern von Saint-Mihiel bei Verdun und führt in eindrucksvollen Bildern die Agonie des Krieges vor Augen. Entsprechend stark wurde der Film zensiert. Dank einer aufwendigen Restaurierung des Niederländischen EYE Film Instituts und von Lobster Films, Paris, liegt der Film nun in einer fast vollständigen Fassung vor. Dafür schrieb der französische Komponist Philippe Schoeller eine Film-Symphonie für grosses Orchester und virtuellen Chor, die am 8. November 2014 in Paris uraufgeführt wird. (...)

Abel Gance (1889-1981) war zu Beginn des Ersten Weltkriegs schon ein aufstrebender Filmregisseur; bis 1918 drehte er bereits gut 20 Filme; zeitweise war er in der Filmabteilung der französischen Armee tätig; wegen Tuberkulose wurde er vorzeitig entlassen. Ein unmittelbarer Impuls zu "J'accuse - Ich klage an" war der Antikriegsroman "Le feu" von Henri Barbusse (1916). Die Dreharbeiten begannen im August 1918, teilweise auf realen Schlachtfeldern wie dem von Saint-Mihiel, wo die US-amerikanische Armee kämpfte und Gance die Dreharbeiten erlaubte, ohne zu wissen, dass er einen Film gegen den Krieg im Sinn hatte. Diese Authentizität und insbesondere der ‚Marsch der Toten', für den Gance Soldaten einsetzte, die in Verdun gekämpft hatten und die nach den Dreharbeiten im September 1918 wieder an die Front mussten, begründeten den internationalen Erfolg des Films. Gance ging mit monumentalen Epen in die Filmgeschichte ein (neben "J'accuse" unter anderem "La Roue" von 1923 und "Napoléon" von 1927), die mit ihren experimentellen Bildtechniken und in ihrer visionären Kraft seine zahlreichen späteren Tonfilme weit überstrahlen.» (arte Presse)

Text?Milenky starého kriminálníka (Die Bräute des alten Gauners), Regie: Svatopluk Innemann,CS - 1927
Produktion: Oceanfilm - Regisseur: Svatopluk Innemann - Drehbuch: Josef Skružny - Elmar Klos - Kamera: Otto Heller - Darsteller: Jarka Pizla Gardener''s Helper - Elsa Vetesníková Apachewoman - Frantisek Juhan Fifi''s Chauffeur - Ferry Seidl Doorman - Frantisek Cerný Gardener - Rudolf Suva Alois Pivonka - Vera Hlavatá Olga Lesczynská - Ladislav H. Struna Apache - Jindrích Plachta Kristián - Betty Kysílková Stefanie Lesczynská - Jirí Hron Fifi's Admirer - Emilie Nitschová Fifi's Mother - Anny Ondra Fifi Hrazánková (AKA Anny Ondráková) - Vlasta Burian Cyril Pondelícek / Alois Kanibal - Jan W. Speerger Pardon -

Anmerkungen
«Anny Ondra und Vlasta Burian waren die unbestrittenen Stars des tschechischen Stummfilms. In dieser turbulenten Verwechslungskomödie spielen sie beide zusammen: Burian gibt sich als Schlossherr aus, um seinem Neffen einen Freundschaftsdienst zu erweisen, und gerät an die überaus fesche Anny Ondra, die mit ihrem Auto in Höchstgeschwindigkeit durch die Gegend rast und sich von niemandem etwas sagen lässt. Der neu rekonstruierte Film mit originalen Einfärbungen ist erstmals außerhalb Tschechiens zu sehen.» [www.internationale-stummfilmtage.de]

«Nach ihrer Rückkehr aus Wien sehen die Prager Regisseure Anny Ondra in einem anderen Licht. So zum Beispiel auch Svatopluk Innemann. DIE BRÄUTE DES ALTEN GAUNERS ist ein Beleg dafür. Anny Ondra spielt Fifi Hrazánková, eine junge Frau mit romantischen Neigungen. Und sie wird nicht länger verführt – sie tut es lieber selbst. Zunächst verliebt sie sich in den Fabrikbesitzer Pardon, doch der wimmelt sie ab und schickt sie zu seinem Onkel, der ihr die Flausen ausreden soll. Der Onkel – gespielt vom künftigen tschechischen Starkomiker Vlasta Burian – wird aber prompt selbst zur Beute der liebeshungrigen Fifi. Der Film wurde in Lamacs Kavalírka-Atelier gedreht.» [Dorothea Friedrich: Max Schmeling und Anny Ondra: Ein Doppelleben. Berlin 2001]

Text?Monte Carlo Regie: Ernst Lubitsch,USA - 1930
Regisseur: Ernst Lubitsch - Drehbuch: Ernest Vajda - Kamera: Victor Milner - Musik: Richard A. Whiting - W. Franke Harling - Darsteller: John Roche Paul - ZaSu Pitts Bertha - Jeanette MacDonald Komtesse Helene Mara - Jack Buchanan Graf Rudolph Farrière - Tyler Brooke Armand - Claude Allister Herzog Otto von Liebenheim -

Inhaltsangabe
«Mir übers Haar streichen bringt Glück!», meint Graf Farrière zur Komtesse Mara, die auf der Flucht ist vor dem unbedarften Grafen Otto. Die Komtesse bleibt zwar glücklos im Spiel, dafür erobert sie das Herz des Grafen, der sich als Friseur verkleidet, um sie zu bezirzen. Mit der üblichen Leichtigkeit würzt Lubitsch das Musical mit gewagten Anspielungen. (Locarno 2010)
Kritiken
«Virtuos, wie sich die beiden Hauptpersonen zuerst begegnen. Wie er hinter ihr hergeht und auf sie einspricht. Mit Fingerspitzengefühl die Impression des Spiel saals, ein musikalisch feines Duett durch das Telephon. Unnachahmlich, wie die Komtesse morgens mit dem Schwarm ihrer Anbeter durch den Park von Monte Carlo wandelt, wie der gräfliche Friseur eingeführt wird. Endlos könnte man so einzelne Beispiele aufzählen, die doch im Prinzip immer nur wieder zu der Feststellung führen, dass das Ganze vollkommen ist.
Bemerkenswert im Übrigen gerade für den Fachmann, wie geschickt die deutschen Texte einkopiert sind, wie man den Raum für diesen technischen Behelf schon vorher beinah vorausbestimmt hat. Mit seltenem Geschmack das dekorative Element, ganz gleich, ob es sich um Monte Carlo made in Hollywood oder um eingeschnittene Aufnahme von der Côte d’Azur handelt.» [Kinematograph, 3.7.1931]
Anmerkungen
«Ernst Lubitschs berühmter zweiter Tonfilm ist ein frivoles Musical um eine schöne Gräfin, die vor einer arrangierten Hochzeit mit einem Prinzen flieht und ihr letztes Geld im Casino verspielt. Für Europa wurde eigens eine stumme Fassung hergestellt, weil man in Hollywood die Lieder und Dialoge nicht in andere Sprachen synchronisieren wollte. Die neue Restaurierung dieser weithin unbekannten Fassung durch die Library of Congress erlebt bei den 30. Internationalen Stummfilmtagen in Bonn 2014 ihre Premiere.» [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?Prostoj sluchaj (Ein gewöhnlicher Fall), Regie: Vsevolod Pudovkin,UdSSR - Sowjet Union - 1929
Produktion: Mezhrabpomfilm - Verleih: Amkino USA - Regisseur: Vsevolod Pudovkin - Drehbuch: Mikhail Koltsov - Aleksandr Rzheshvskij - Kamera: Grigorij Kabalov - Georgij Bobrov - Architekt: Sergej Kozlovskij - Darsteller: Vladimir Uralskij - Jevgenija Rogulina Mashenka - Ivan Novoseltsev - V Kuzmich - Aleksandr Chistjakov - Anna Chekulajeva - Marija Belousova - Aleksandr Baturin - Andrej Gorchilin -

Kritiken
«Ein Schnitter mäht Gras. Welch ein Bild! Wie erregend an einem lichten Tag nach starkem Regenfall. Doch wie soll man das filmen? Die Zeitlupe kommt uns zu Hilfe. Man stelle sich vor: Schnell fällt das Gras, in den Sonnenstrahlen glitzert die Sense, langsam neigt sie sich zum Schnitt, die Tautropfen gleiten abwärts, verstieben und werden vom Staub aufgesogen. Doch so rasch sich das Gras – wie Haar, das geglättet wird – zu Boden neigt und zu Boden fällt, so langsam hebt sich die Sense, in Hunderten verschiedenartigen Einstellungen aufblitzend, vom Boden wieder in die Luft empor. Oder man erinnere sich der bald in Zeitlupe, bald als Trick, bald verlangsamt, bald beschleunigt aufgenommenen Einstellungen der wachsenden Blumen oder des keimenden Gemüses – sie veranschaulichen das Leben in seinem Beharrungsvermögen.» [Wsewolod Pudowkin: Die Zeit in Großaufnahme. Berlin 1983]
Anmerkungen
Wsewolod Pudowkins letzter Stummfilm ist ein seinerzeit wegen formalistischer Spielerei heftig kritisiertes Meisterwerk, das seine Theorie von der „Zeit in Großaufnahme“ visuell umzusetzen versucht. Die einfache Geschichte einer im Bürgerkrieg spielenden Ehekrise, in der der Mann seine Frau wegen einer Jüngeren verlässt, ist Ausgangspunkt für rein visuell vermittelte Stimmungen, Erinnerungen und Träume, die weitgehend auf Zwischentitel verzichten. [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?Shen Nu (Die Göttin, Die Göttliche), Regie: Yonggang Wu,China - 1934
Produktion: Lianhua Film Company - Produzent: Luo Mingyou - Regisseur: Yonggang Wu - Drehbuch: Yonggang Wu - Kamera: Hong Weilie - Darsteller: Li Junpan Der Schuldirektor - Huaiqiu Tang - Lingyu Ruan Prostituierte, die Göttliche - Li Keng das Kind, Sohn der Göttlichen - Zhang Zhizhi Zhang -

Inhaltsangabe
Eine junge Frau arbeitet in Shanghai als Prostituierte, um sich und ihren Sohn zu ernähren. Auf der Flucht vor der Polizei versteckt sie sich im Haus des notorischen Spielers Zhang. Der erpresst die junge Frau damit, das Geheimnis ihres Berufs zu verraten, und bedrängt sie massiv. Auch durch einen Umzug kann sie ihren Widersacher nicht abschütteln. Als in der Schule ihres Sohnes bekannt wird, womit seine Mutter ihr Geld verdient, kann selbst der ihr wohlgesonnene Direktor nichts am Schulverweis des Jungen ändern. Um der Verzweiflung und dem grossen Druck zu entgehen, der auf ihr lastet, beschliesst die junge Frau, mit ihrem Kind fortzugehen und einen Neuanfang zu versuchen. Doch ihre mühsam erworbenen Ersparnisse sind verschwunden... (arte Presse)
Kritiken
«Der Regisseur thematisiert in diesem Melodram mit großer Sympathie und zugleich sozialkritischer Attitüde das Leben einer Prostituierten im urbanen China jener Zeit. Die junge Frau, die sich und ihren Sohn in Shanghai nur dadurch am Leben erhalten kann, dass sie ihren Körper verkauft, kämpft verzweifelt um ein besseres Leben für ihren durch den Beruf der Mutter vor der Gesellschaft gebrandmarkten Sohn. Anders als bei amerikanischen Vorbildern wie Joseph von Sternbergs BLONDE VENUS steht hier nicht die Selbstverwirklichung der Frau im Vordergrund, die – selbst ohne Familie geblieben – angesichts der Bedeutungslosigkeit ihres Geschlechts in der chinesischen Gesellschaft längst mit ihrem Leben abgeschlossen hat. Vielmehr betont Wu Yonggang ihre Mutterliebe, die alle Dogmen und gesellschaftlichen Riten in den Schatten stellt.» [Stefan Kramer: Geschichte des chinesischen Films. Stuttgart/Weimar 1997]
Anmerkungen
"Shen nü - Die Göttliche" ist ein Klassiker des chinesischen Stummfilms. Das in den Studios von Shanghai gedrehte Drama spiegelt in der Figur der Prostituierten die nationale Demütigung Chinas nach der Besetzung der Mandschurei durch Japan 1931. Doch trotz des harten und ungerechten Schicksals, das die Protagonistin erleidet, entlässt "Shen nü - Die Göttliche" das Publikum mit einem Hoffnungsschimmer.

Regisseur Wu Yonggang realisierte den höchst anspruchsvollen Film als 27-Jähriger und taucht erst über 40 Jahre später wieder in der Filmgeschichte auf mit Beteiligungen an den Filmen "Evening Rain" (1980), "Dong Bowu - A Veteran Revloutionary" (1981) und "My Memories of Old Beijing" (1982).

Die in Shanghai geborene Ruan Lingyu war trotz ihrer kurzen Karriere ein Star in ihrer Heimat. Als "chinesische Garbo" gefeiert, spielte sie zwischen 1927 und 1935 in zahlreichen Stummfilmen die elegante Diva. Ihr facettenreiches und ausdrucksstarkes Spiel wurde bald auch international gewürdigt. Ruan Lingyu drehte in neun Jahren 29 Filme, bevor sie im Alter von 24 Jahren Selbstmord beging, nachdem ihr unglückliches Privatleben von der Boulevardpresse an die öffentlichkeit gezerrt worden war. Zu ihren bekanntesten Filmen zählen neben "Die Göttliche" das Sozialdrama "Peach Blossom Weeps Tears of Blood" (1931) und "New Woman" (1935), ein Film über die chinesische Schauspielerin Ai Xia, die sich selbst tötete. Ruan Lingyus Schicksal gab die Anregung für den Film "The Actress" ("Yuen Ling-yuk", 1992) von Stanley Kwan, in dem Maggie Cheung die Rolle der Ruan Lingyu spielt.

Die eigens für den Film neu komponierte Musik ist mit traditionellen chinesischen Instrumenten sowie Flöte, Klarinette, Perkussion, Cello, Horn und Violine besetzt. Die Komponistin Xu Yi wurde in Nanking geboren und ging 1988 nach Frankreich. Eingespielt wurde die Filmmusik vom "L'Ensemble Orchestral Contemporain" unter der Leitung des international renommierten Dirigenten Daniel Kawka. Das Orchester widmet sich in Kooperation mit GRAME vor allem den Werken chinesischer Komponisten" (arte Presse)

»Ein lebendiges Bild der von rastlosem Chaos und leidvollem Kummer geprägten Stadt. Im alten China nannte man Strassenmädchen ›Göttinnen‹. Eine Prostituierte verkauft sich, um ihren Sohn grossziehen zu können. Trotz aller Widrigkeiten und Erniedrigungen gelingt es ihr nicht, ihm in der Schule Achtung zu verschaffen. Als sie mit ihm die Stadt verlassen will, stellt sie fest, dass ihr Zuhälter ihr gesamtes Geld verspielt hat. Als letztes wichtiges Werk der chinesischen Stummfilmepoche ist dies der künstlerische Höhepunkt der Filmproduktion im Shanghai jener Zeit. Ruan Lingyu zeigt die menschliche Würde einer ›Göttin‹ durch ihre subtile, von tiefer innerer Erfahrung geprägten Körpersprache ebenso überzeugend wie natürlich. Die letzte Szene zeigt die inhaftierte, ins Dunkle blickende Mutter und, darüber geblendet, das lächelnde Gesicht ihres Sohnes. In ihrem Blick scheint eine bestimmte Erwartung mitzuschwingen. Tragischerweise setzte Ruan Lingyu, eine der schönsten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts, kurz nach Fertigstellung dieses Films mit 25 Jahren ihrem Leben ein Ende. Sie konnte im Alltag die Beleidigungen, die sie in der von Männern dominierten Gesellschaft erleiden musste, sowie die Erniedrigungen durch Verleumder nicht mehr ertragen.« (Zheng Dongtian) Filmmuseum München

«Im alten China nannte man die Straßenmädchen „Göttinnen“. Der Titel des Films, der als Meisterwerk des chinesischen Stummfilms gilt, bezieht sich auf eine alleinerziehende Mutter, die sich in der Anonymität der Großstadt prostituiert, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen und ihm in der Schule Achtung zu verschaffen. Die Schauspielerin Ruan Lingyu nahm sich ein Jahr nach Fertigstellung des Films mit nur 25 Jahren das Leben und wurde zur Leinwandlegende.» [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?The lodger - A story of the London Fog (Der Untermieter, Der Schrecken von London), Regie: Alfred Hitchcock,Grossbritannien - 1927
Produktion: Gainsborough Pictures - Produzent: Michael Balcon - Regisseur: Alfred Hitchcock - Regieassistent: Alma Hitchcock-Reville - Drehbuch: Alfred Hitchcock - Eliot Stannard - Ivor Montagu Zwischentitel - Story : Marie Adelaide Lowndes - Kamera: Gaetano Ventimiglia - Hal Young - Schnitt: Ivor Montagu - Architekt: C. Wilfred Arnold - Bertram Evans - Darsteller: Ivor Novello - Marie Ault Mrs. Bunting - Malcolm Keen Joe Betts, Policeman - June Daisy Jackson - Arthur Chesney -

Inhaltsangabe
Ein Mörder, der nachts blonde Frauen umbringt, hält London in Atem. Bei den Buntings zieht zu diesem Zeitpunkt ein neuer Untermieter ein, der sich äusserst seltsam verhält. Er besteht darauf, dass die viktorianischen Gemälde, auf denen blonde Frauen zu sehen sind, aus seinem Zimmer entfernt werden, geht häufig laut in seinem Zimmer auf und ab und hat die seltsame Angewohnheit, nacht im Nebel spazieren zu gehen - ist er etwa der gefürchtete "Rächer"? Der Freund der hübschen, blonden Tochter der Buntings, ein ehrgeiziger Polizeibeamter, der mit der Aufklärung der unheimlichen Mordserie betraut wurde, findet den neuen Mieter äusserst suspekt. Ausserdem ist er eifersüchtig auf ihn. Der Mieter wird innerhalb kürzester Zeit zu einem glühenden Verehrer von Daisy und erzählt ihr bei einem Treffen, dass seine Schwester das erste Opfer des Mörders war und er ihren den Tod nun rächen möchte. Dennoch wird er verhaftet, kann aber fliehen. In einer Kneipe wird er wiedererkannt und beinahe gelyncht, erst die Nachricht, der wahre Mörder sei gefasst, kann ihn retten... (3Sat Presse)

«London wird von einer Mordserie erschüttert, der Frauen mit blonden Locken zum Opfer fallen. Geschickt nutzt Hitchcock die Atmosphäre der Angst und der Bedrohung, um seine Geschichte um eine Tänzerin, ein älteres Ehepaar, einen ambitionierten Polizisten und einen geheimnisvollen Mieter zu erzählen. Zum ersten Mal kann Hitchcock alle seine Motive entwickeln, die seine späteren Filme berühmt gemacht haben. Die digitale Restaurierung lässt den Film und seine Einfärbungen in neuem Glanz erstrahlen.» [www.internationale-stummfilmtage.de]


Anmerkungen
"Der Mieter", der Film mit dem Alfred Hitchcock die Bühne als Regisseur betrat, ist ein meisterhaft erzählter Thriller und wurde nach seiner Uraufführung als bester englischer Film seiner Zeit gefeiert. Das Drehbuch beruht auf dem gleichnamigen Roman von Marie Belloc-Lowndes, weicht jedoch in einem wichtigen Punkt von der Vorlage ab. Stellt sich im Roman der mysteriöse Mieter als der Mörder heraus, ist er bei Hitchcock unschuldig. Hitchcocks klassisches Suspense-Konzept, das auf einem Wissensvorsprung des Zuschauers basiert, ist im "Lodger" noch nicht voll ausgesprägt. Bis zuletzt bleibt der Zuschauer im Unklaren darüber, wer der Mörder ist. Hitchcock experimentiert in diesem frühen Werk mit filmischen Techniken. Um die Schritte des Mieters über den Köpfen der Wirtsleute sichtbar zu machen, filmte er sie von unten durch eine Glasplatte. Unübersehbar sind die stilistischen Einflüsse des deutschen Stummfilms: "bedrohliche Schatten, düstere Dekors und grelle Licht-Schatten-Effekte evozieren die Erinnerung an Filme von Murnau, Lang und Wiene." (H.C. Blumenberg)

Der Film wurde zweifarbig viragiert (eingefärbt) - blau für die Aussen- und Nebelszenen, sepiafarben für die Interieurs -, was viel zur atmosphärischen Wirkung des Films beiträgt. Im Auftrag von ZDF/ARTE schrieb der in Los Angeles lebende Filmkomponist Ashley Irwin eine neue Musik, die vom Deutschen Filmorchester Babelsberg eingespielt wurde. Die neue Komposition orientiert sich an den klassischen Tonfilm-Musiken, die Bernard Herrmann für Hitchcock geschrieben hat, und erweitert das Klangspektrum der akustischen Instrumente um elektronische Klänge. In dieser Mischung aus traditionellem Filmorchesterklang, solistisch geführten Blasinstrumenten und Elektronik entfaltet der Film eine hohe dramatische Wirkung. Ein Meisterwerk des frühen Kriminalfilms, das bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat." (3 Sat Presse)

Der Stummfilmthriller gilt als der erste "echte" Hitchcock-Film und kündigt die spätere Meisterschaft Alfred Hitchcocks an: Wer ist der Mörder und vor wem muss man Angst haben? Es ist auch der erste Film, in dem Hitchcock seine ersten berühmten Kurzauftritte hat - aus Mangel an Statisten. (Concorde Presse)

" Mit Der Mieter schuf Alfred Hitchcock den ersten richtigen 'Hitchcock'-Krimi. Die Geschichte des unschuldig verfolgten Helden, die konzentrierten visuellen Mittel, die genaustens kalkuliert die notwendige Spannung schaffen, sadomasochistisch lustvolles Leiden auf Seiten des Helden (wenn er beispielsweise vom Mob gehetzt mit gefesselten Händen von einem Gitter herabhängt), die blonde Heldin - all dies macht den Film unverwechselbar zu einem 'Hitchcock'. Der Mieter markiert auch den Beginn einer anderen Tradition: zum ersten Mal tritt der Meister des suspense selbst in einem seiner Werke auf - hier noch in zwei Szenen, um das Bild zu füllen, später dann augenzwinkernd aus Tradition.
Und wie immer geht es um mehr als nur eine Kriminalgeschichte:

"Aber Hitchcocks Interesse liegt in The Lodger nicht in der Sozialpathologie des Verbrechens - noch weniger bei der Frage, wer denn nun der Mörder wirklich ist. Er verweilt lieber bei dem Effekt, den das Verbrechen auf normale Menschen hat [...] Am meisten jedoch scheint Hitchcock noch der Effekt des Verbrechens auf den Mieter selbst zu interessieren. Der ist davon besessen, den Mörder zu finden und zu töten, um so den Tod seiner eigenen Schwester zu rächen. Schuld und Unschuld wohnen hier wahrhaftig sehr dicht beieinander, denn der Mieter ist im Geist bereits eines Mordes schuldig, so wie er im Hinblick auf die wirklichen Morde unschuldig ist. [...]
Das Ende des Films ist Hitchcock in Reinkultur: eine verstörende Verbindung von Sex und Tod. Der Film beginnt mit den blinkenden Lichtern einer Theaterreklame: HEUTE-BLONDE LOCKEN. Es folgt der Mord an einem blondgelockten Mädchen. Und am Ende, wenn sich die blonde Daisy und ihr neuer Liebhaber umarmen, blinkt im Hintergrund dieselbe Reklame. Das ist ein Scherz, der Mord mit der Liebesnacht und der Zukunft Daisys und des Mieters in Verbindung bringt. Zum ersten Mal hat sich der Kreis geschlossen - der Kreis von Fesselung und Vergnügen. Der Kreis zwischen Handschellen und erotischem Kitzel hat sich logisch geschlossen. Hitchcock hat zu erkennen gegeben, dass ihn die Assoziation von Sex und Mord, von Ekstase und Tod fasziniert." (Donald Spoto)

«Balcon hatte eine populäre Geschichte aus dem Jahr 1913 aufgetan, die auf den Taten des bekannten Massenmörders Jack the Ripper basierte. THE LODGER – im Untertitel „Eine Geschichte aus dem Londoner Nebel“ – schien ihm bizarr genug, um Hitchcocks Talent für bizarre Kameraeinstellungen zu vertragen. Hitchcock empfindet diesen Film übrigens als seinen ersten „richtigen“. Er hatte das Drehbuch zum ersten Mal in der für ihn typischen Manier vorbereitet, die er später immer mehr verfeinerte: Jede Einstellung war bereits vor Dreh beginn genauestens skizziert. Alles, was es an Bauten, Ausstattung und Requisiten brauchte, war gleichfalls minutiös auf Papier festgehalten. Mit anderen Worten: Bevor die erste Klappe fiel, hatte Hitchcock sein Werk sozusagen bereits schriftlich fixiert. Balcon war als Produzent von dieser gründlichen neuen Art der Vorbereitung beeindruckt.» [Bodo Fründt: Alfred Hitchcock und seine Filme. München 1986]


Text?The Sea Hawk (Die Seeteufel), Regie: Frank Lloyd,USA - 1924
Produktion: Associated First National Pictures, Incorporated - Regisseur: Frank Lloyd - Drehbuch: J.G. Hawkes - Nach einer Vorlage von: Rafael Sabatini novel - Kamera: Norbert F. Brodin - Darsteller: Claire du Brey Siren - Enid Bennett - Lloyd Hughes - Wallace MacDonald - Milton Sills -

Kritiken
Der greise Maurenfürst wünscht das Mädchen für seinen Harem, der Engländer widersetzt sich ihm. Am Ende sind die beiden in England vereint. Dieses Filmwerk ist mit einem grossen Aufwand an Phantasie und Geld hergestellt. Frank Lloyd hat die Welt Jacks, des Schiffsjungen, lebendig gemacht. Die Pracht des Maurenreiches, das Schwertergeklirr von Enterkämpfen auf See, die Knute des Galeerenaufsehers vereinigen sich zu einem eindrucksvollen Bildwerk. Schöne Landschaften und Liebesaufnahmen verhindern Einseitigkeit. Eine gute, weiche, das Historische betonende Photographie ergänzt angenehm. Als Korsar hat Milton Sills Gelegenheit, den Helden unserer Knabenträume glaubhaft zu verwirklichen. Seine Gegenspielerin Enid Bennett ist lieblich wie ein Bild von Reynolds. Der Film wird überall dort gefallen, wo man sich Sinn für Romantik und schweifende Jungenphantasie bewahrt hat. [Der Film, 10.1.1926]
Anmerkungen
Aufwendiger Abenteuerfilm nach dem 1915 veröffentlichten Roman „The Sea Hawk“ (Der Seehabicht. Ein Piratenroman) von Rafael Sabatini: Ein Engländer wird von seinem Bruder verraten und landet als Sklave auf einer spanischen Galeere. Als diese von nordafrikanischen Piraten geentert wird, startet er als Pirat einen Rachefeldzug. Die restaurierte Filmkopie dieses Blockbusters der Stummfilmzeit besitzt neben den originalen Einfärbungen noch handkolorierte Effekte. [www.internationale-stummfilmtage.de]

Text?Valentin auf der Festwiese Regie: Karl Valentin,Deutschland - 1921
Produktion: Arnold & Richter GmbH, München - Regisseur: Karl Valentin - Drehbuch: Karl Valentin - Kamera: Hans Karl Gottschalk - Darsteller: Karl Valentin - Liesl Karlstadt - Hanna Lierke - Ludwig Wengg - Hans Schön-Matz -

Inhaltsangabe
«Das Oktoberfest hat den Münchner Volkssänger und Komiker Karl Valentin gleich zu mehreren Sketchen inspiriert, die er immer wieder variierte. Sein um 1920 gedrehter Kurzfilm über einen Oktoberfestbesuch mit Slapstick-Einlagen ist heute nur noch fragmentarisch erhalten. Nach einem von Valentin verfassten Manuskript hat das Filmmuseum München die erhaltenen Szenen geordnet und konnte die Zwischentitel nach den Aufzeichnungen Valentins rekonstruieren.» [www.internationale-stummfilmtage.de]
Anmerkungen
«Filme ansehen ist wirklich angenehmer, als Filme fabrizieren. 1921 wurde ich einmal während einer Filmaufnahme vor vielen tausend Menschen auf dem Oktoberfest zwanzig Meter hoch in die Luft gezogen. Dabei wurde ich übrigens völlig unfachgemäß in einen schmalen Riemen geschnallt und mit einem Flaschenzug hochgezogen. Obgleich ich nur fünfundfünfzig Kilo wog, schnitt mir der schmale Riemen derart in meine Eingeweide, dass ich herunterschrie: „Ich halt’s nicht mehr aus!“ Aber es wurde weiter gedreht, als sei nichts geschehen. Mir traten vor Schmerz fast die Augen aus den Höhlen. Und nun musste sich noch meine Partnerin Liesl Karlstadt an meine Fü.e hängen und wurde gleichfalls einige Meter zusammen mit mir in die Höhe gehisst. Fast ohnmächtig wurde ich in ein Auto gehoben und konnte nur mehr die Worte stammeln „Nie mehr filmen, mir gangst!“» [Stefan Henze / Andrea Heizmann: Karl Valentins Selbstbiographie. München 1996]

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